Kunstwerk des Monats September

Jutta Bossard: Skulptur aus der Ostfassade des Kunsttempels

um 1926-1928

Jutta Bossard, Skulptur Ostfassade Kunsttempel

Die Fassade des Kunsttempels zeigt zahlreiche Figuren und Ornamente und ermöglicht es auch bei wiederholten Besuchen, immer wieder neue Details zu entdecken. Die Bauplastiken zeigen die kreative Schaffenskraft und auch die Originalität von Johann und Jutta Bossard. Beide waren verantwortlich für die Entstehung der Bauplastiken am Kunsttempel. Immer wieder wird vermutet, dass auch noch weitere Schüler von Johann Bossard dabei beteiligt wurden.

Schwierig ist es in manchen Fällen, einzelne Plastiken auch einzelnen Personen zuzuordnen. Offenbar war bei der Entstehung des Gesamtkunstwerks die gemeinsame kreative Tätigkeit wichtiger als eine Dokumentation der Leistungen von Einzelpersonen. Viele der Figuren (vor allem an der Westfassade) können stilistisch Johann Bossard zugeordnet werden. Schwieriger verhält es sich mit dem Figurenschmuck der Ostseite mit den sehr heterogenen Bildwerken, die teils stark abstrahiert sind, teils karikaturistisch überspitzt wirken oder auch technische Details wie Zahnräder zeigen.

Hier sticht eine Figur hervor, die eindeutig Jutta Bossard zugeordnet werden kann. Es handelt sich einen knienden Frauenakt. Die junge Frau hält ein Tuch über ihren Kopf, das ihren Oberkörper wie ein kurzer Mantel umfängt, wohl als Schutz vor Regen oder anderen Wettereinflüssen. Die Figurenauffassung, in der sich die traditionelle Aktdarstellung mit einer – leichten – formalen Vereinfachung verbindet, spricht für die künstlerische Handschrift von Jutta Bossard, ebenso wie die grundsätzlich gelöste Grundstimmung der Figur, die bei aller Bewegung positiv und in sich ruhend wirkt. Im Gegensatz dazu sind die bildhauerischen Arbeiten von Johann Bossard der 1920er-Jahre häufig von starken innerlichen und formalen Spannungen geprägt.

Die Figur lässt sich gut mit der „Träumenden“ von Jutta Bossard vergleichen, die 1930 entstanden ist. Diese Figur ist heute als Bronze in der „Skulpturenreihe“ an der Kunststätte Bossard zu sehen, außerdem als Kunststoff-Guss im Klostergarten. Die letztgenannte Figur wird derzeit durch den Plastiker Johannes Peyser wieder instandgesetzt.


Kunstwerk des Monats August

Johann Bossard: Vier Reiter

o. J. (um 1913/14), Reliefs aus unglasiertem Ton, Wohn- und Atelierhaus


KdM August 2016

Die vier männlichen Reiterfiguren schmücken die Ostseite des Wohn- und Atelierhauses und können betrachtet werden, wenn man den Klostergarten betritt. Vermutlich schuf Johann Bossard sie im Zusammenhang mit der Errichtung des Wohnhauses, ebenso wie die Bauplastiken an der Nordseite des Gebäudes.

Die vier Reliefs zeigen, entsprechend der „Leserichtung“ von links nach rechts, zunächst einen Jüngling mit wie grüßend erhobener Rechter auf einem sehr schlanken Pferd. Es folgt ein muskulöser, bärtiger Mann, der ein durchtrainiertes Ross reitet. Die Körperhaltung von Tier und Reiter sind in diesem Relief weit vom Naturvorbild entfernt, sie entspringen dem Wunsch Johann Bossards, vitale Kraft und Lebensenergie zu versinnbildlichen. Das dritte Bildfeld zeigt einen fülligen, älteren Mann, der in entspannter Körperhaltung auf einem ähnlich wohlgenährten Pferd sitzt. Das vierte und letzte Bildfeld zeigt einen gebückten Greis, der sich nur mit Mühe auf seinem Reittier halten kann. Auch das ausgemergelte Pferd wirkt am Ende seiner Kräfte und lässt seinen Kopf zu Boden hängen. Den Mantel des Reiters zieren zwei Vogelsilhouetten, deren Bedeutung unklar ist. Möglicherweise sind sie als Todesvögel oder Todesboten zu deuten.

Die vier Männer und Pferde symbolisieren die menschlichen Lebensalter von der Jugend bis zum Greisenalter, können aber auch als Symbole für die vier Jahreszeiten verstanden werden. Besonders deutlich wird dies bei der Darstellung des reifen Erwachsenenalters. Der füllige männliche Akt mit lockigem Haar und Bart erinnert vom Körpertypus her an den weinseligen Gott Bacchus, der auch auf Darstellungen des Herbstes (Weinlese / Erntefest) auftaucht.

In seiner Kunst hat Johann Bossard die vier Jahreszeiten häufig mit den menschlichen Lebensaltern gleichgesetzt, etwa im Zyklus „Das Jahr“. Auch die vier großen Aktfiguren vor dem Vorbau des Kunsttempels können entsprechend gedeutet werden. Hier sind – wohl als Frühling und als Sommer – zwei weibliche Akte dargestellt. In den Reliefs von 1913/14 zeigt sich Bossard in seinem Geschlechterverständnis jedoch konservativ. Die aktive Rolle der Rossebändiger konnte er sich offenbar nur für männliche Figuren vorstellen. 

Kunstwerk des Monats Juli

Johann Bossard: Männliche Figur, Kunsttempel

1928, Öl- und Tempera-Mischung auf Sperrholz

KdM Juli 2016

Als Teil des so genannten „Zweiten Tempelzyklus“ brachte Johann Bossard mittig an der Südwand des Kunsttempels einen stehenden männlichen Akt an. Die Figur steht streng frontal zum Betrachter, hat die Rechte wie grüßend erhoben und die Linke vor den Leib gelebt. Die expressive Pinselschrift lässt manche Details offen, gut erkennbar ist jedoch das etwa kinnlange, mittig gescheitelte Haar. Hinter der Figur ist eine mandelförmige Aura zu erkennen, eine so genannte Mandorla.

Die Mandorla fand hauptsächlich in der mittelalterlichen Kunst Verwendung und war fast immer Christus vorbehalten, der als Weltenherrscher oder auf seinem Thron, gerne umgeben von Symbolen der vier Evangelisten, dargestellt wurde (Pantokrator bzw. Majestas Domini). Entsprechende Darstellungen waren Johann Bossard sicherlich bekannt.

Die Mandorla-Form und damit der Hinweis auf eine Christusdarstellung ist sicherlich vom Künstler beabsichtigt. Jedoch fehlen auch wichtige Elemente der Christus-Ikonografie, etwa Segensgestus, Kreuz, Thron, Buch oder Regenbogen; auch die Nacktheit der Figur ist im Zusammenhang mit einer Christusfigur sehr ungewöhnlich. Damit gibt Johann Bossard einen deutlichen Hinweis darauf, dass er sich der christlichen Religion zwar verbunden fühlte, sie jedoch nicht als letztgültige Wahrheit verstand. Entsprechend äußerte er sich bereits 1925: „„Jeder lebt aus ihm, und wenige wissen, dass der hohe, lichte unverwundbare Gott sie auch noch in ihrer Niedrigkeit trägt und vor dem letzten Fall schützt. Man nennt seinen Namen Heiland, Großer, Brahma, Sonnenkönig, Christus und seine Lehren sind in aller Munde. Und seine Lehren waren zu allen Zeiten und bei allen höheren Völkern die gleichen im Sinne, wenn auch verschieden im Wortlaut.“ (Werbeschrift an meine Freunde) Tatsächlich stand der Künstler in seiner persönlichen religiösen Überzeugung der Anthroposophie nahe, die einen gemeinsamen Kern in den großen Weltreligionen erkannte.

Neben dem inhaltlichen Wechselspiel von christlicher und nicht-christlicher Darstellung ist die Darstellung formal durch den Wechsel von Licht und Schatten gekennzeichnet. Sorgfältig hat Johann Bossard die Anordnung von hellen und dunklen, lichten und verschatteten Partien austariert und diese wie sich wechselseitig bedingende Elemente einander gegenübergestellt. Dieses Wechselspiel von Licht und Dunkel, von positiven und Schattenseiten der menschlichen Existenz zwischen Himmel und Erde lässt sich am und im Kunsttempel immer wieder erkennen. 

Kunstwerk des Monats Juni

Die Kniende, um 1930-32, Guss-Stein


Die Kniende

Die „Kniende“ taucht an der Kunststätte Bossard in zwei Ausführungen auf: Südlich des Wohnhauses am ehemaligen Haupteingang, vor der Veranda, und in der so genannten „Skulpturenreihe“. Die Figur einer knienden Frau ist ganz auf den körperlichen Ausdruck konzentriert. Beine, Gesäß, Rücken und Schultern bilden gemeinsam die konzentrierte, nach innen orientierte Form eines Viertelkreises. Kopf und Oberarme brechen aus der geschlossenen Form aus und münden in die Unterarme mit den überlängten, ausgestreckten Händen. Das Wechselspiel aus Geschlossenheit und Richtungsorientierung verleiht der Komposition eine gewisse Spannung. Die fast naturalistisch anmutende Figur ist bei aller Ruhe auch ausdrucksbetont. Die radikale Körperhaltung könnte Unterwerfung, Trauer, ebenso aber auch Versunkenheit oder Hingabe zum Ausdruck bringen. Da das Gesicht der Figur nicht zu sehen ist, können die Betrachterinnen und Betrachter hier eigene Deutungen einbringen.

Die Figur wurde nach einer Negativform aus Zement gegossen. Vermutlich entschied sich Johann Bossard aus Kostengründen für das Material, das ungleich preiswerter als die Ausführung durch einen Steinmetz in Sandstein oder einem anderen Material war. Der so genannte „Kunststein“ (so Bossards Bezeichnung) entsprach jedoch im Ergebnis nicht ganz den Erwartungen des Künstlers.

Die Aufstellung der „Skulpturenreihe“ an der Kunststätte Bossard ist für die Jahre 1930 und 1931 dokumentiert, die Arbeiten können aber auch noch länger angedauert haben. Mit den figürlichen Plastiken, die stilistisch ganz unterschiedlich wirken und aus den verschiedensten Materialien gefertigt wurden, schloss Johann Bossard den Hofplatz vor dem Wohn- und Atelierhaus und dem Kunsttempel nach Norden ab. Zusätzlich zu den zwei Backsteinfassaden mit ihren Bauplastiken wird hier der Garten selbst mit den für Bossard typischen Hecken- und Reihenpflanzungen in die Gestaltung miteinbezogen. Das verbindende Element zu den Gebäuden sind die Sockel der Skulpturen. Sie sind aus Backsteinen gemauert, die an die Fassade des Kunsttempels erinnern. In ihren ganz unterschiedlichen Formen entsprechen sie der Vielgestaltigkeit der Plastiken. Ein wesentliches Element für die optische Wirkung ist die dunkelgrüne Hecke, vor denen die Werke platziert sind. Um 1930/31 stand hier eine kleine Fichtenhecke, sie wurde zu einem späteren Zeitpunkt durch eine Eibenhecke ersetzt – vermutlich, da sich Eiben längerfristig besser in Form schneiden und halten lassen als Fichten.

Kunstwerk des Monats Mai 2016

Schale in Form eines Kopfes

Porzellan, polychrom glasiert

um 1919/1925, Inv.-Nr. JB 730

KdM Mai2016

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wandte sich Johann Bossard in der Plastik vom Material Bronze ab, das er in der Wilhelminischen Zeit bevorzugt hatte. In den Vordergrund seines plastischen Schaffens traten Porzellan und Keramik, die ihm seit seiner Lehrzeit in der Hafnerei Keiser in Zug (1890-1894) bestens vertraut waren. Ein Grund dafür mag die Schwierigkeit beim Beschaffen von Bronze in den ersten Nachkriegsjahren gewesen sein. So klagte der Künstler 1919 und 1920 in seinen Briefen mehrfach darüber, dass die Bronzegießereien in Deutschland unter Materialmangel leiden würden und keine verbindlichen Kostenvoranschläge erstellen könnten.

Dass sich Bossard wieder keramischen Werkstoffen zuwandte, darf als kunsthistorischer Glücksfall gelten. In seinen bemalten Keramiken der Zeit verbinden sich reduzierte Formen und expressive Bemalung zu einer kongenialen Einheit; sie bereiten die späteren Hauptwerke von 1926–1928 vor, die Baukeramiken für die Fassade des Kunsttempels. Die hohe Qualität von Bossards Keramiken aus der Zeit erklärt sich auch durch seinen Kollegen Max Wünsche (1878–?), der ab 1919 die Keramikwerkstatt der Kunstgewerbeschule leitete und der sich mit der Zubereitung von Massen, mit Brenntemperaturen und mit der Zusammensetzung von Glasuren und Farben hervorragend auskannte.

Stilistisch verbindet der Kopf Elemente von Akademismus und Expressionismus. Das plastische Bildwerk ist idealisierend-abbildhaft gestaltet. Die Bemalung beschränkt sich im Bereich der Haartracht noch auf die Akzentuierung einzelner Strähnen, ist im sockelartigen Unterbau jedoch expressiv-abstrakt gehalten.

Porzellanköpfe erwähnt Johann Bossard erstmals am 25.5.1921 in einem Brief an seinen Mäzen Emil Hegg : „Ich muss Ihnen doch auch wieder mal einige Leckereien senden; habe dafür einige Porzellanköpfe ausersehen, die allerdings auch noch nicht fertig sind.“ Möglicherweise gehört der hier vorgestellte Kopf zu den genannten „Leckereien“, die 1921 in Arbeit waren.

Die von Johann Bossard angestrebte „Einheit von Kunst und Leben“ bedeutete, dass alle Gebrauchsgegenstände künstlerisch gestaltet wurden. Gleichzeitig war es ein zentrales Anliegen des Künstlers, die Grenzen zwischen den künstlerischen Gattungen aufzuheben und diese miteinander zu verschmelzen. Dies wird im vorliegenden Kopf besonders deutlich: Er ist ein plastisches Bildwerk, also so genannte ‚freie‘ Kunst, wäre im Sinne der traditionellen Gattungen aber auch dem Kunsthandwerk zuzuordnen, da es sich um einen Gebrauchsgegenstand handelt. Vermutlich wurde die schalenförmige Vertiefung zu Lebzeiten der Bossards mit Obst oder mit Blumen gefüllt.

Der Porzellankopf steht heute im Musikzimmer der Bossards, das bis 31.10. in gebuchten Führungen durch die Privaträume zugänglich ist. Weitere Informationen und Anmeldung unter 04183 / 5112. 

Fotonachweis: Christoph Irrgang, Hamburg. 

Objekt des Monats April 2016

Gartenteich

1971 oder später

Gartenteich um 1971 oder später

Stammgäste der Kunststätte Bossard kennen den von Seerosen bewachsenen Gartenteich südlich des Wohn- und Atelierhauses. Vielen von ihnen ist jedoch nicht bekannt, dass der Teich nicht zum ursprünglichen Garten des Künstlerehepaars Bossard gehört, sondern eine späte Ergänzung ist. Die Anlage des Teichs wurde im Jahr 1971 oder etwas später durch Jutta Bossard veranlasst. Sie ließ einen Teil des abschüssigen Geländes auffüllen. In der so entstandenen Ebene wurde ein Becken ausgehoben und mit Teichfolie ausgekleidet, da der sandige Heideboden kein Wasser hält. Am Rand ist der Teich von einer umlaufenden Reihe großer Kiesel eingefasst.

Die Anlage des Gartenteichs war naheliegend, da als Wasserquelle das Regenwasser vom Wohn- und Atelierhaus zur Verfügung steht. Es wird durch ein Fallrohr vom Dach abgeleitet und unterirdisch, unter dem gepflasterten Innenhof des Wohnhauses, nach Süden abgeleitet und speist dort den Teich.

Johann Bossard hatte bei der Gestaltung seiner 3 Hektar großen Gartenanlage auf einen Gartenteich – der eher in einen englischen Landschaftsgarten oder Ziergarten gehören würde – verzichtet. Mit einiger Wahrscheinlichkeit richtete er sich dabei nach den Empfehlungen des Gründungsdirektors der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, der mehrere Aufsätze zur Gartengestaltung schrieb. In seinem programmatischen Aufsatz „Der Heidegarten“ von 1904 plädierte Lichtwark dafür, die Landsitze wohlhabender Hamburger in der Lüneburger Heide mit Gärten auszustatten, die zur Heidelandschaft passen sollten. Explizit argumentiert Lichtwark dagegen, Landhäuser in der Heide im Stil englischer Landschaftsgärten auszustatten, wozu für ihn auch die Anlage von Seen oder Teichen gehört hätte. Stattdessen plädiert Lichtwark für eine weniger aufwändige, regional verortete Gartengestaltung mit Hilfe von Heidekraut, Heidelbeeren, regionalen Gewächsen wie Wacholder sowie angepflanzten ‚Lauben‘ aus Birken, Buchen oder Hainbuchen. Der Garten der Kunststätte Bossard folgt nicht in allen Details den Vorgaben Lichtwarks, fügt sich jedoch in die Entwicklung von „Reformgärten“ in Abgrenzung zum englischen Landschaftsgarten zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein.

Im Zuge der aktuellen denkmalpflegerischen Gartenbaumaßnahme wird der Gartenteich in Kürze entfernt und an seiner Stelle wird Heidekraut rekultiviert. Damit wird das Grundstück hier wieder in den Zustand zurückgeführt, der zu Lebzeiten Johann Bossards bestand. Die Maßnahme wurde bereits 1999 angeregt, es wurde damals jedoch die gartendenkmalpflegerische Empfehlung ausgesprochen, den Teich vorerst weiter bestehen zu lassen, jedoch bei Beschädigung nicht mehr wiederherzustellen. Da die Teichfolie inzwischen undicht geworden ist – und dank der Spendenbereitschaft des Freundeskreises Kunststätte Bossard e.V. auch die Finanzierung gesichert ist – kann die Maßnahme nunmehr umgesetzt werden.  Bei allen Spendern möchten wir uns noch einmal herzlich bedanken! 


Kunstwerk des Monats März 2016

Johann Bossard: Kegeljunge, um 1900/1906

polierte Bronze, JB2176

             
                Kegeljunge          

Mit seinem „Kegeljungen“ (auch „Kugelwerfer“ oder „Kugelwerfender Knabe“) traf Johann Bossard den Kunstgeschmack der ausgehenden Wilhelminischen Zeit. Die Kleinplastik ist als Dreieckskomposition angelegt, gewinnt jedoch durch die nach hinten ausholende Körperhaltung des Jungen Dynamik und tiefenräumliche Komplexität. Neben der virtuosen Beherrschung des Akts demonstriert Johann Bossard in dem Werk auch seine Orientierung an der klassischen Antike und an neoklassizistischen Bildhauern wie Adolf von Hildebrand. Hildebrands „Kugelwerfer“ (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Adolf_von_Hildebrand_-_Kugelwerfer.jpg) mag der Ideengeber für Bossards „Kegeljunge“ gewesen sein.

Die erste Ausstellung des „Kegeljungen“ ist 1906 im Berliner Kunstsalon „Keller & Reiner“ belegt, möglicherweise schuf Bossard die Plastik jedoch schon früher. Die Ausstellung markierte Bossards Durchbruch bei den Kritikern und auf dem Kunstmarkt. Insbesondere seine Kleinbronzen wurden sehr positiv aufgenommen und der „Kegeljunge“ besonders gelobt. „Am glücklichsten ist Bossard in seinen kleinen Bronzen, die einen liebenswürdigen Humor zeigen“, hieß es etwa in der „Deutschen Zeitung“. Ein Rezensent der Zeitung Vorwärts erklärte: „Sehr reizvoll sind die lebendig behandelten Kleinplastiken (Kinderstatuetten), die auch in der Farbe oft gut wirken.“ Der Erfolg der Kleinplastiken war vermutlich mit dafür ausschlaggebend, dass Johann Bossard 1907 als Lehrer für Bildhauerei an die Kunstgewerbeschule in Jesteburg berufen wurde.

Das Modell für den Ball spielenden Jungen war Hans Meske, der Sohn von Bertha Wilhelmine und Wilhelm Meske. Der Zeitzeuge Harald Wohlthat berichtet, dass Johann Bossard während seiner Studienjahre in Berlin bei dem Ehepaar Meske wohnte. Nachdem er sein Heidegrundstück in Jesteburg erworben hatte, waren Mitglieder der Familie häufig und lange zu Gast bei Bossard in der Heide. Hans Meske half beim Pflanzen der umlaufenden Fichtenreihe um das  Grundstück geholfen und legte 1913/14 den Gemüsegarten, einen kleinen Obstbaumgarten sowie den Steingarten an. Er fiel 1915 an der Westfront; sein Name ist auf der Gefallenentafel in der St. Martinskirche in Jesteburg verzeichnet.
 

Kunstwerk des Monats Februar 2016

Timm Ulrichs: Musterfassade (2015)

Musterfassade: Sprengel Museum Hannover

Geschenk der Stadt Hannover an die Gemeinde Jesteburg


Musterfassade

An der Kunststätte Bossard stellt Timm Ulrichs eine Musterfassade aus anthrazitfarbenem Sichtbeton mit quaderförmigen Vor- und Rücksprüngen aus, die 2008 für den im Herbst 2015 eröffneten Erweiterungsbau des Sprengel Museums Hannover angefertigt worden war.  Entworfen wurde der Bau durch das Büro Meili und Peter Architekten AG (Zürich).

Musterfassaden werden angefertigt, um beispielsweise einen architektonischen Entwurf zu überprüfen, konstruktive Anforderungen an die Fassade zu testen und über etwaige Mängel in der späteren Bauausführung entscheiden zu können. Als Ausschnitt einer Gebäudehülle mögen sie als kulissenhafte Irreführung des Betrachters (in der Art eines potemkinschen Dorfes) wirken; der konkrete Irritationseffekt ist jedoch dem Abtransport vom Hannoveraner Bauhof und der Aufstellung am Rande eines Waldweges geschuldet.


Musterfassade (2)Durch die Aufstellung als eigenständiges Kunstwerk wird die Merk-Würdigkeit der Musterfassade offenkundig, ebenso entfaltet aber auch ihr skulpturaler Charakter seine volle Wirkung: Auf den ersten Blick könnte sie als Werk eines minimalistischen Bildhauers wahrgenommen werden; erst bei einer genaueren Auseinandersetzung mit dem Objekt wird sein Charakter als Musterfassade – und damit als Readymade – offenkundig. Verstärkt wird der Effekt durch den Kontrast mit den hohen Fichten am Ende eines Waldwegs, der, außer für Ortskundige, mitten ins Nirgendwo zu führen scheint.  Immanent ist darin auch der Gegensatz zwischen Peripherie und Zentrum enthalten; er wurde in der – vom Künstler durchaus bewusst herbeigeführten – Situation auf die Spitze getrieben, dass der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, der zur Vernissage am 25.6.2015 anreiste, das Sprengel-Museum gleichermaßen schon in Jesteburg eröffnete, bevor er am 19. September der Erweiterungsbau des Museums in Hannover feierlich einweihte.

Mit der „Musterfassade“ wird der spektakulären Fassade des Kunsttempels, die mit ihren Fehlbränden und den mehreren hundert Baukeramiken eines der bedeutendsten noch erhaltenen Zeugnisse des so genannten Backsteinexpressionismus darstellt, ein Dialogpartner gegenübergestellt, wie er formal und inhaltlich nicht unterschiedlicher sein könnte: der organisch belebten, figürlich ausgestalteten, vielfarbigen Fassade aus dem Wald bei Jesteburg die konkrete, streng geometrische, durch minimale Unterschiede in den verwendeten Betonmischungen strukturierte Musterwand aus Hannover. Verbindendes Element der beiden Fassaden ist ihre kraftvolle skulpturale Wirkung, die beim Kunsttempel einer plastischen Auffassung von Architektur und einem Bemühen um das Verschränken von Gattungen entspricht, bei der Musterfassade dagegen ihrer Herauslösung aus dem Kontext des Gebäudes sowie ihrer ‚Zweitverwertung‘ als Readymade durch Timm Ulrichs.


Musterfassade (3)Die Kunststätte Bossard ist damit um einen Publikumsmagneten reicher, denn die
Musterfassade wird als Schenkung der Stadt Hannover an die Gemeinde Jesteburg an ihrem Standort am Bossardweg verbleiben und damit den Endpunkt des geplanten Kunstpfads bilden, der die Ortsmitte von Jesteburg zukünftig mit der Kunststätte Bossard verbinden soll. Der besondere Dank der Kunststätte Bossard gilt Timm Ulrichs, der mit seinen Interventionen nicht nur manche inhaltliche Position der Bossards kritisch gespiegelt und kommentiert hat, sondern auch einen dauerhaften Beitrag dazu leistet, dass sich zukünftig umso mehr Kunstliebhaber auf den Weg nach Jesteburg machen werden. 


     


Kunstwerk des Monats Januar 2016

Johann Bossard: Zum neuen Jahre 1904,

Lithografie, 1903/04, WV Lebelt 2015, B 20,


Neuen Jahre, 1904
Ende 1903 oder Anfang 1904 schuf Johann Bossard eine Druckgrafik zum Thema des Jahreswechsels. In der oberen Bildhälfte erscheint der Kopf eines Kleinkinds und dahinter, leicht von dem Kinderkopf verdeckt, das Antlitz eines alten, bärtigen Mannes mit geschlossenen Augen. Der Alte scheint sein Gesicht an den Hinterkopf des Kindes zu legen und es zu liebkosen. Die beiden Figuren symbolisieren das vergangene und das neue Jahr, die in Bossards Lithografie eng miteinander verbunden und doch ganz unterschiedlich sind. Ein schneebedeckter Kiefernzweig schließt die Darstellung nach unten hin ab; darunter steht der Schriftzug "ZUM NEUEN JAHRE" sowie ein netzartiges, kristallines Muster, in das die Jahreszahl "1904" integriert ist. Links darunter hat der Künstler seine Signatur in den Druck integriert.

Neben der symbolischen Bedeutung ist die Lithografie auch eine Darstellung der Verbundenheit von Erwachsenen und Kleinkindern. Die Zuneigung der älteren Generation für das junge Leben, vielleicht auch für die zarte Haut oder das weiche Haar kleiner Kinder, hat Bossard überzeugend ins Bild gesetzt.

Die seitenverkehrte Zahl 4 sowie das seitenverkehrte „S“ in der Signatur lassen vermuten, dass Johann Bossard die Darstellung selbst auf die Druckplatte zeichnete. Ende 1903 hatte der Künstler bereits einige Lithografien geschaffen, besaß jedoch keinerlei Routine im spiegelverkehrten Schreiben. Dass er den Fehler nicht korrigierte, bedeutete womöglich, dass er nur begrenzte Arbeitszeit und Materialien in den Neujahrsgruß investieren wollte. Vermutlich verschickte er das Blatt als Neujahrsgruß an Freunde oder auch an Kunstliebhaber, von denen er sich Aufträge für weitere Druckgrafiken erhoffte. 

http://werkverzeichnis.bossard.de/heron-art/zum-neuen-jahre-1904/ 
(zuletzt abgerufen am 4.1.2016) 



Kunstwerk des Monats Dezember 2015

Johann Bossard: Exlibris Dr. Eduard Hallier

Lithografie, um 1908

Johann Bossard Monatsbild Dezember 2015

WV Lebelt 2015, C 7, http://werkverzeichnis.bossard.de/heron-art/exlibris-dr-eduard-hallier/(zuletzt abgerufen am 29.11.2015)


Das Exlibris oder Bucheignerzeichen zeigt als Hauptmotiv einen Kolossalkopf, der von einer Mauerkrone umkränzt wird. Als zentrales Emblem prangt auf der Krone ein Stadttor, das Wappen von Hamburg. Es handelt sich also um die Darstellung einer „Hammonia“, einer Personifikation der Stadt Hamburg. An Stelle eines steinernen Rundbogens umfangen radial angeordnete Bücher den Monumentalkopf; einige von ihnen werden durch einen männlichen Akt in Rückenansicht ein- oder ausgeräumt. Ein Balken mit dem Namen des Bucheigners „Dr. Eduard Hallier“ sowie ein Wasserbecken schließen die Darstellung nach unten hin ab. Rund um die zentrale Szene sind Vögel angeordnet, die Nahrung suchen und sich im Wasserbecken erfrischen.

Johann Bossard entwarf das Exlibris für den Hamburger Juristen Dr. Eduard Hallier (1866–1959), der sich in zahlreichen Vereinen und wohltätigen Organisationen engagierte. Unter anderem setzte sich Hallier für die Einführung eines öffentlichen Bibliothekensystems in Hamburg ein, so dass 1899 maßgeblich durch seine Initative die erste öffentliche Bücherhalle in Hamburg eröffnet werden konnte. Mit dem Bucheignerzeichen spielte Bossard offensichtlich auf diese besondere Leistung Halliers an.

Im Archiv der Kunststätte hat sich ein Brief Halliers an Bossard vom 9.5.1908 erhalten, der die Entstehungsgeschichte des Exlibris beleuchtet. Hallier schrieb darin, dass er Bossards Vorgesetzten, den Direktor der Kunstgewerbeschule Richard Meyer, auf ein Exlibris ansprach und dass Meyer dann Bossard hinzuzog. Mit dem auf Initiative Meyers gedruckten Entwurf war Hallier jedoch nicht zufrieden und erklärte, das Blatt werde seinen „Intentionen nicht gerecht“. Mit seinem Schreiben wollte Hallier vermutlich klarstellen, dass er Bossard keinen offiziellen Auftrag erteilt hatte und auch keine Kosten für das Exlibris übernehmen würde. Demnach handelt es sich bei dem vorliegenden Blatt um einen von Hallier nicht gebilligten Entwurf, auf den keine weitere Überarbeitung mehr folgte.

Wenn Sie noch mehr über das Exlibris erfahren möchten,  folgen Sie dem Link zum Werkverzeichnis der Druckgrafiken:  http://werkverzeichnis.bossard.de/heron-art/exlibris-dr-eduard-hallier/. Dort können Sie sich auch über alle anderen Druckgrafiken Johann Bossards informieren. 


Kunstwerk des Monats November 2015

Johann Bossard: Monatsbild November,

undatiert, Mischtechnik auf Pappe


Johann Bossard Monatsbild November

Die Grafik „November“ stammt aus einem Zyklus von zwölf Monatsbildern Johann Bossards. Der Künstler hat die Werke nicht datiert; möglicherweise entstanden sie im Zeitraum zwischen 1918 und 1928

Das Monatsbild zum November stellt einen dramatischen Höhepunkt in dem Zyklus dar. Heulende, die Zähne fletschende Wölfe schreiten als geschlossene Gruppe vorwärts. Blutrote und graue Formen streben dynamisch aus der Bildfläche hinaus und evozieren Dunkelheit und kalte Winde, aber auch drohendes Unheil.

Johann Bossard hat der Grafik selbst verfasste Verse hinzugefügt, die er – wohl inspiriert durch nordische Texte wie die „Edda“ – ohne Endreime verfasste. Der Text betont wie das Bildmotiv den bedrohlichen, lebensfeindlichen Charakter des Monats November, in dem alles irdische Leben dem Untergang geweiht zu sein scheint.

Bossard schrieb den Text in einer selbst entworfenen, an Runen angelehnten Schrift auf die Grafik. Er war davon überzeugt, dass „das Wesen der Runen von höchster Wichtigkeit sein müsste für den Zusammenhang von Form & Inhalt“ (Brief an Emil Hegg vom 3.5.1913). Die vereinte künstlerische Aussage von Bildmotiv, Linienführung, Kolorit, Ornament und Buchstaben, der die Intensität und Eindringlichkeit der Monatsbilder ausmacht, entspringt letztlich dieser innersten Überzeugung von einer Übereinstimmung von Form und Inhalt – im Gegenständlichen wie im Abstrakten, im Ornament wie in der Schrift.

Zur geplanten Verwendung der Monatsbilder gibt es keine schriftlichen Hinweise. Denkbar ist, dass Bossard einen Kalender oder eine Mappe mit Lichtdrucken plante, vielleicht um Gelder für den Bau des Kunsttempels zu erwirtschaften. Dass im letzten Jahr tatsächlich eine Produktion als immerwährender Wandkalender realisiert werden konnte, verdankt die Kunststätte Bossard dem Freundeskreises Kunststätte Bossard e.V. Der Kalender ist für 19,80 € (für Freundeskreis-Mitglieder 14,80 €) an der Museumskasse erhältlich. Das Monatsbild „November“ ist ab 14.11. wieder in der Dauerausstellung an der Kunststätte Bossard zu sehen. 


Kunstwerk des Monats Oktober 2015

Johann Bossard: Der Optimist,

um 1930–32, Ton


Kunstwerk des Monats Oktober 2015
Zwischen den zahlreichen Werken in der Skulpturenreihe an der Kunststätte Bossard findet sich die Darstellung eines überlebensgroßen, lachenden Kopfes. Nach Zeitzeugenberichten ist ein „Optimist“ dargestellt. Die Plastik wurde aus rotem Ton geformt und ist unglasiert.

Die Darstellung ist ganz auf das lachende und von zahlreichen Lachfalten durchzogene Gesicht des Optimisten konzentriert. Gezeigt werden nur Gesicht und Bart sowie einige Stirnhaare, dagegen sind das weitere Haupthaar und der gesamte weitere Kopf ausgespart. Die Plastik erinnert damit mehr an eine Maske als an eine Rundplastik; tatsächlich ist sie seitlich und rückseitig als schlichte gewölbte Form, ohne weitere Details, gestaltet. Diese Reduktion des plastischen Bildwerks auf eine Hauptansicht passt gut zu der Aufstellung vor einer Eibenhecke.

Johann Bossard beschäftigte sich in seinen Briefen immer wieder mit der Frage, ob er selbst eher ein Pessimist oder eher ein Optimist sei. Tatsächlich findet sich in der Skulpturenreihe auch der gramgefurchte Kopf eines „Pessimisten“, ebenfalls aus unglasiertem rotem Ton geformt, dessen Gesicht eine ähnliche Form hat wie die des Optimisten. Der Künstler hat die beiden Köpfe als Gegensatzpaare konzipiert und aufgestellt.

Die Skulpturenreihe wurde im Zeitraum zwischen 1930 und 1932 errichtet. Die Gruppe von Plastiken und Skulpturen aus verschiedensten Materialien und Farben wird durch ihren Hintergrund, die einheitlich grüne Eibenhecke, sowie durch die gemauerten Backsteinsockel formal zusammengefasst. Zusätzlich zur Wohn- und Atelierhaus, dessen Fassade durch die Architektur bestimmt wird, und zum Kunsttempel, in dem Architektur und Plastik regelrecht miteinander verschmelzen, setzt Bossard als dritte Komponente und als Abschluss des zentralen Hofplatzes die Plastik im Zusammenspiel mit der Natur ein. 


Kunstwerk des Monats September 2015

Johann Bossard: Baumkreis


 Baumkreis
Der aus einer doppelten Fichtenreihe bestehende Baumkreis lässt sich am nördlichen Ende des Grundstücks finden. Er bildet den Abschluss der großen Gartenanlage nach Hamburg hin, wogegen sich am südlichen Ende, zur Lüneburger Heide hin, eine weitgehend unbelassene Heidefläche befindet. Zeitzeugen berichten, dass Johann und Jutta Bossard die Baumanpflanzung als „Baumkreis“ bezeichneten. Bei genauer Betrachtung lässt sich jedoch erkennen, dass es sich um ein großes Omega handelt.

Auffällig ist der große Kontrast des Baumkreises und der gesamten Gartenanlage zu den Innenräumen des Wohnhauses und des Kunsttempels. Alle Räume sind bis in den letzten Winkel mit verschiedensten künstlerischen Techniken in größtmöglicher Detailfülle ausgestaltet. Durch die Bemalung der Fensterscheiben und das Fehlen von elektrischer Beleuchtung sind die Innenräume für heutige Sehgewohnheiten eher dunkel. Der Garten hingegen ist sehr weitläufig und durch wenige, schlichte Elemente gestaltet. Bossard schafft somit einen deutlichen Kontrast zwischen Innen und Außen. Dies passt auch zu seiner sonstigen Darstellungsweise, in der er häufig Gegensatzpaare als sich wechselseitig bedingenden Prinzipien einsetzte.

Die Fichten im Baumkreis sowie auch im Baumtempel und in der Monolithenallee überalterten und stürzten im Laufe der Jahre, so dass die geometrischen Formen nicht mehr erkennbar waren. In einer aufwendigen Gartenbaumaßname im Winter 2002/03 wurden die verbleibenden Bäume daher gefällt und die geometrischen Pflanzungen neu angelegt. Bei der Gelegenheit wurde eine Altersbestimmung ausgewählter Bäume durchgeführt. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass der äußere Ring des Baumkreises möglicherweise im Winterhalbjahr 1933/34 angepflanzt wurde, der innere Ring möglicherweise 1938/39. Vielleicht hatte Johann Bossard das nördliche Ende des Grundstücks bis dahin ungestaltet belassen, um Fläche für Erweiterung zu haben, auch in der Hoffnung auf weitere Menschen, die mit ihm zusammen seine Idee vom Gesamtkunstwerk hätten verwirklichen wollen. 

Kunstwerk des Monats August 2015

Johann Bossard: Porzellankopf, um 1919/26

 

Porzellankopf um 1919/26

Der weibliche Kopf aus Porzellan entstand frühestens 1919, als Max Wünsche  die Keramikwerkstatt der Kunstgewerbeschule übernahm. Er kannte sich hervorragend mit der Zubereitung von Massen, mit Brenntemperaturen und mit der Zusammensetzung von Glasuren und Farben aus. Die hohe technische Qualität von Johann Bossards Porzellan- und Steinzeugfiguren ist der Beratung durch seinen Kollegen Wünsche zu verdanken.

Porzellanköpfe erwähnt Johann Bossard erstmals am 25.5.1921 in einem Brief an seinen Mäzen Emil Hegg : „Ich muss Ihnen doch auch wieder mal einige Leckereien senden; habe dafür einige Porzellanköpfe ausersehen, die allerdings auch noch nicht fertig sind.“ Es spricht vieles dafür, dass der hier vorgestellte Kopf zu den genannten „Leckereien“ gehört, die 1921 in Arbeit waren.

Die Form des Kopfes ist schlicht gehalten, nur Nase, Augen und Kinn sind herausgearbeitet. Die Lippen der Porzellanfigur sind in einem Rotton eingefärbt und auch die Augenpartie ist farblich hervorgehoben. Das Gesicht wird teilweise durch expressiv gezackte Ornamente in Rot- und Brauntönen sowie in Schwarz akzentuiert und umrahmt.

Die von Johann Bossard angestrebte „Einheit von Kunst und Leben“ bedeutete, dass alle Gebrauchsgegenstände künstlerisch gestaltet wurden. Gleichzeitig war es ein zentrales Anliegen Johann Bossards, die Grenzen zwischen den künstlerischen Gattungen aufzuheben und diese miteinander zu verschmelzen. So lässt sich der bemalte Porzellankopf sowohl der Plastik als auch der Malerei zuordnen, dem Kunsthandwerk ebenso wie der ‚freien‘ Kunst.

Der Porzellankopf steht heute im Musikzimmer der Bossards, das bis 31.10. in gebuchten Führungen durch die Privaträume zugänglich ist. Weitere Informationen und Anmeldung unter 04183 / 5112.

Kunstwerk des Monats Juli 2015

Jutta Bossard: Büste von Johann Bossard

Bronze, 1951/52

Büste Johann Bossard

Wenn Sie den Eddasaal im Wohnhaus der Familie Bossard besuchen, können Sie in der Mitte des Raums in der Schrankwand eine Büste von Johann Bossard finden. Jutta Bossard formte das Bildnis ihres Mannes um 1951/52 in Ton und ließ es dann in Bronze abgießen.

Der Kopf aus Bronze befindet sich auf einem Sockel aus Stein. Johann Bossard wird von seiner Frau im fortgeschrittenen Alter, gegen Ende seines Lebens, gezeigt. Sein Blick ist geradeaus gerichtet und scheint am Betrachter vorbeizuführen; die Stirn liegt in Falten und gibt dem Gesicht einen nachdenklich-konzentrierten Gesichtsausdruck. Das im Nachgang einer Scharlachinfektion erblindete Auge, das 1913 operativ entfernt und durch ein Glasauge ersetzt wurde, lässt sich nicht ausmachen. Die hohe Qualität der Büste besteht nicht zuletzt darin, dass sie den Dargestellten nicht nur abbildet, sondern auch die Vorstellung von seiner geistigen Präsenz vermittelt.

Das Modellieren nach der Natur war das von Johann Bossard unterrichtete Fach an der Kunstgewerbeschule in Hamburg. Jutta Bossard setzte ihrem Ehemann in dieser Büste also nicht nur ein persönliches Denkmal, sondern sie legte auch ein Zeugnis für die hervorragenden Fähigkeiten ihres ehemaligen Lehrmeisters Johann Bossard ab. 



Kunstwerk des Monats Juni 2015

Johann Bossard:

Sommer, aus dem Zyklus "Das Jahr"

Farblithografie, 1904

WV Lebelt 2015, D 1.12


Sommer 1904 aus Zyklus "das Jahr"

Das Textblatt zur Farblithografie ist in drei Ebenen aufgeteilt. Das obere Bilddrittel besteht aus einer weiten Landschaft mit bewölktem Himmel. Die Landschaft ist in Grün und Gelb gehalten. Darunter verläuft ein stilisierter Figurenfries aus arbeitenden Figuren. In der dritten Ebene ist das Textfeld untergebracht, das von den Brustbildern eines bärtigen Mannes auf der linken Seite und einer Frau auf der rechten Seite gerahmt wird.
Der Sommer gehört zum Zyklus „Das Jahr“, das aus 53 Blättern besteht.

Johann Bossard stellt den Sommer nicht als Blütezeit des Lebens dar, sondern als Zeit der Mühe und Schicksalsschläge. Der vom Künstler verfasste Text beschreibt, wie ein Paar ein Kind verliert und sich durch die Trauer voneinander distanziert. Auch die Hitze des Sommers macht Mann und Frau  zu schaffen und sie sehnen sich nach dem Herbst. Die Grafik zeigt also nicht nur den Sommer als Jahreszeit, sondern auch einen Abschnitt im Menschenleben und in der Paarbeziehung.

Mit dem Zyklus „Das Jahr“ begann Bossard 1903 und schuf bis 1904 insgesamt 20 Lithografien im Geiste von Symbolismus und Jugendstil– unter anderem das hier vorgestellte Blatt „Sommer“. Die bis 1904 vollendeten 20 Lithografien bot Bossard als „1. Teil“ des Zyklus zum Verkauf an, um Interessenten und Auftraggeber anzulocken und für weitere druckgrafische Arbeiten zu interessieren bzw. als Subskribenten für den späteren Ankauf des zweiten Teils zu verpflichten. Johann Bossard präsentierte sich damit als selbstbewusster und selbständiger Künstler, der neben Auftragswerken auch eigene Projekte verwirklichte und versuchte, den offenen Kunstmarkt seiner Zeit für seine eigenen künstlerischen Ziele zu erschließen und nutzbar zu machen. Erst 1921 vollendete Johann Bossard den Zyklus mit dem Druck von weiteren 33 Lithografien und Radierungen. Zu den frühen Blättern gesellten sich nun expressive, teils utopisch-abstrakte Drucke.

 Wenn Sie sich dieses und andere druckgrafische Werke Johann Bossards ansehen möchten, können Sie noch bis zum 26.7.2015 unsere Sonderausstellung Dekorativ bis expressiv: Johann Bossard als Grafiker besuchen und sich einen Eindruck über sein umfassendes Werk verschaffen. Außerdem können Sie sich alle Druckgrafiken auch unter http://werkverzeichnis.bossard.de von zu Hause aus ansehen. 


Kunstwerk des Monats Mai 2015

Johann Bossard, Südwand des Erossaals,

um 1921



Johann  Bossard malte den so genannten „Erossaal“ in der Zeit zwischen 1922 und 1925 aus. Hauptthema der Raumgestaltung ist die Liebe mit ihren Sonnen- und Schattenseiten. In verschiedenen Darstellungen werden Aspekte des Begriffs „Eros“ aufgefächert, wie er durch die antike Mythologie, die Philosophie und auch die Psychoanalyse definiert wurde: Zahlreiche Szenen zeigen die freundschaftliche oder geistige Liebe zwischen Mann und Frau, ebenso wird aber auch das körperliche Verlangen thematisiert sowie der Lebenstrieb und seine Kehrseite, der Todestrieb. In anderen Szenen ist „Eros“ als christusähnliche Figur zu sehen, als göttliche Instanz, die wohl den Drang  nach Erkenntnis und nach schöpferischer geistiger Tätigkeit verkörpern soll.

Die ganz in Rottönen gehaltene Südwand zeigt das Idealbild eines Liebespaars. Ein junger Mann und eine junge Frau sitzen nebeneinander auf einer Art Bank und halten gemeinsam eine Krone in den Händen. Um das Paar herum fliegen weiße Tauben, in der Antike Begleiter der Liebesgöttin Aphrodite, in der Tiefenpsychologie Symboltiere der „Agape“, der reinen, uneigennützigen Liebe.

Um das Paar herum befinden sich mehrere Personen, die nicht dem Idealbild der Liebe entsprechen oder dieses nicht unterstützt wissen wollen. Ganz links ist eine abgehärmte Alte mit übergroßen Händen zu sehen; sie könnte als Symbol für den Neid gedeutet werden. Rechts daneben ist ein Mönch zu sehen, der wohl die Kirche symbolisiert, die nicht jeder Liebesbeziehung positiv gegenüber stand. Auf der rechten Seite des Bildes sieht man eine zurechtgemachte junge Frau mit weitem Ausschnitt. Sie bietet sich gerade einem vermögenden, korpulenten und deutlich älteren Herrn an. Diese Szene symbolisiert die käufliche Liebe. Im Gegensatz zur „Agape“, zur reinen, göttlichen Liebe ist hier „Eros“ im negativen Sinn als Suche nach körperlicher Befriedigung zu sehen. Bossard geht somit nicht nur auf die positiven Seiten der Liebe zwischen Mann und Frau ein, sondern zeigt auch auf, dass diese durchaus mit negativen Aspekten behaftet sein kann und viel Hingabe und Bemühen erfordert.

Wenn Sie den Erossaal und die weiteren gestalteten Räume im Wohnhaus des Ehepaars Bossard ansehen wollen, bietet sich bis Ende Oktober unsere Hausführung (sonntags um 11 Uhr) oder unsere Kurzbesichtigung (donnerstags um 15 Uhr) an. Eine vorherige Anmeldung unter Tel. 04183/5112 ist erforderlich.

Kunstwerk des Monats April 2015

Johann Bossard:

Frühlingseinkehr und Totengeleit

1902, Farblithografien


Frühlingseinkehr und Totengeleit

Das obere Blatt mit dem Titel Frühlingseinkehr zeigt fünf Figurengruppen. Man erkennt ein Paar an einem Bach sitzend und eine Gruppe von spielenden Kindern. Darauf folgen vier junge Männer, die ein blumenstreuendes Kleinkind auf einer Sänfte tragen. Diese Figurengruppe bildet das Zentrum des Bildes. Links dieser Gruppe sieht man einen Jungen der seinen Eltern einen Blütenzweig überreicht. Den Abschluss der Darstellung bildet ein von spielenden Jungen umringter alter Mann, der auf einem Stein sitzt. Im Hintergrund des gesamten Bildes ist schemenhaft ein Musikantenzug zu erkennen.
Das Bild symbolisiert den Beginn und das Aufblühen alles Neuen. Wie der Frühling für den Beginn des Jahres steht, so stellt das blumenstreuende Kind im Zentrum der Grafik den Beginn des Lebens dar, kann aber auch als Personifikation des Frühlings gelten. Auch alle anderen Figuren stellen die unterschiedlichen Etappen des Lebens dar.

Das untere Blatt trägt den Titel Totengeleit und bildet das Gegenstück zur Frühlingseinkehr. Zunächst erkennt man einen Geige spielenden jungen Mann. Darauf folgt eine Gruppe von vier Männern, die einen Leichnam auf einer Bahre tragen. Den Schluss des Leichenzugs bildet eine trauernde Frau, die in einen schwarzen Schleier gehüllt ist. Im Hintergrund ist ein Himmel mit aufgewühlten Wolken zu erkennen.
Diese Grafik stellt das Ende des Lebens beziehungsweise den Winter, das Ende des Jahres dar. Der Greis auf der Bahre hat alle Abschnitte des Lebens durchlebt und findet nun seinen Frieden. Der Geigenspieler kann als Personifikation des Todes gedeutet werden. Das Zusammenwirken der beiden Bilder verdeutlicht, dass Werden und Vergehen nicht unabhängig voneinander existieren können.

Beide Bilder können Sie noch bis zum 26.07.2015 in unserer Ausstellung „Dekorativ bis expressiv: Johann Bossard als Grafiker“ sehen.

Kunstwerk des Monats März 2015

Johann Bossard: Wilma Krull, undatiert,

Bleistift auf Papier, 43x29 cm, JB1265

             
          März 2015

Dargestellt ist ein Frontalbildnis einer Frau, die die Augen senkt. Sie hat einen Mittelscheitel. Offensichtlich handelt es sich bei der älteren Frau mit dem ausdrucksstarken Gesicht um ein Porträt und nicht um ein Idealbildnis. Vergleiche mit historischen Fotos lassen die Dargestellte mit großer Wahrscheinlichkeit als Wilma Krull identifizieren.

Wilma Krull war eine der älteren Schwestern Jutta Bossards. Sie war Säuglingsschwester in Hamburg gewesen, ihr Verlobter studierte in Danzig Schiffbau. Johann Bossard unterstützte ihn finanziell, damit er sein Studium durchführen konnte. Jedoch heiratete der Verlobte in Danzig anderweitig, ohne Wilma Krull davon in Kenntnis zu setzen. Jutta Bossard berichtete dazu: „Ein schweres Erlebnis für Wilma. Sie kehrte nicht in ihren Beruf zurück, sie nahm Anteil an unserem Leben in und mit der Kunst und leitete die Wirtschaft in Haus und Hof, sie war eine Seele des Hauses.“

Die Kunststätte Bossard hätte ohne Wilma Krull wohl nicht in der heutigen Form entstehen können. Sie sorgte für den Haushalt und den Wirtschaftsgarten und entlastete damit Johann und Jutta Bossard. Auch kümmerte sie sich um die Nutztiere: Ziegen, Schafe, ein Schwein, Hühner, Enten und Bienen. Jutta Bossard sagte oft: „Wilma ist das Beste, was ich mit in die Ehe gebracht habe.“

Wilma Krull verstarb 1979. Sie fand ihre letzte Ruhe am Ende der Monolithenallee, wo sich auch die Grabstätte von Johann und Jutta Bossard befindet. 


Kunstwerk des Monats Februar 2015

Johann Bossard, Orpheus, undatiert

(1930er‐ / 1940er‐Jahre)

Orpheus, undatiert (1930er-1940er-Jahre)

Dargestellt ist Orpheus, ein Sänger und Dichter aus der griechischen Mythologie. Er blickt nach links oben aus dem Bild heraus. In der Linken hält er ein Saiteninstrument, die Rechte verharrt mit gespreizten Fingern über den Saiten. Möglicherweise wollte Bossard das Innehalten und Horchen nach dem Anschlagen der Saiten oder die Suche nach Inspiration für den weiteren Verlauf eines Musikstücks darstellen.

Das Werk ist undatiert, weist jedoch stilistische Merkmale von Bossards Spätwerk auf. Seine expressionistische Pinselschrift und den Verzicht auf anatomische Genauigkeit kombiniert der Künstler hier mit einer ausgewogenen Verteilung der Farben und einer in sich beruhigten, harmonischen Komposition. Die spitzen Formen und die spannungsgeladenen Kompositionen, die seine Werke der 1920erJahre kennzeichnen, sind verschwunden. Gemälde wie der „Orpheus“, der als Meisterwerk aus den letzten beiden Jahrzehnten von Bossards Schaffen gelten darf, entfalten eine malerische Intensität und dekorative Qualität, die den Werken von Marc Chagall ebenbürtig ist.

Nach mehreren mythologischen Erzählungen, unter anderem von Pindar, Ovid oder Vergil, galt Orpheus als einer der besten Sänger der antiken Mythologie und konnte mit seiner Musik neben Göttern, Menschen und Tieren sogar Steine betören. Um seine verstorbene Ehefrau, die Nymphe Eurydike, wiederzugewinnen, machte sich Orpheus auf den Weg in die Unterwelt. Hades, der göttliche Herrscher der Unterwelt, gewährte Orpheus seine Bitte, jedoch unter der Bedingung, dass Orpheus sich auf dem Rückweg nicht nach Eurydike umsehen durfte. Da Orpheus jedoch die Schritte seiner Frau nicht hören konnte, drehte er sich um und Eurydike verschwand für immer in der Unterwelt.

Künstler an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert stellten Orpheus häufiger dar,beispielsweise Odilon Redon, Gustave Moreau, Fernand Khnopff, Franz von Stuck und Melchior Lechter. Sie beschäftigten sich unter anderem mit seiner Rolle als Mittler zwischen den Welten. Auch für Johann Bossard sollte der Künstler eine besondere Rolle als Künder höherer Wahrheiten erfüllen. Er stellte die Figur des Orpheus daher noch öfter dar, und zwar als Bronzeplastik (1911) und im Gemäldezkylus „Saal des Orpheus“ (wohl 1940erJahre).


Kunstwerk des Monats Januar 2015

Johann Bossard, Magisches Quadrat

Magisches Quadrat



















An der Südseite des Wohnhauses  der Bossards befindet sich eine Veranda, in deren Wände verschiedenste Keramiken im Schachbrettmuster eingelassen sind. Die einzelnen Reliefs erinnern an Fundstücke aus Märchen und Sagen. Johann Bossard gestaltete sie um 1923.

Neben verschiedenen Darstellungen aus der nordischen Mythenwelt, expressiven Köpfen, Symbolen und Runenzeichen lässt sich auch ein so genanntes Magisches Quadrat finden: Alle Zahlen einer Reihe und einer Spalte ergeben zusammengerechnet die Zahl 34. Zudem ergeben jeweils die vier Zahlen, die sich nebeneinander befinden, die Summe 34. 

Das Quadrat hat jedoch nicht nur eine mathematische, sondern vielmehr eine spirituelle Bedeutung. Die Zahlen drei und vier haben einen großen Stellenwert an der Kunststätte Bossard. So steht die Drei für die Dreifaltigkeit in der Religion und symbolisiert somit alles Geistige und Göttliche. Die Vier hingegen steht für alles Irdische, wie zum Beispiel die vier Jahreszeiten oder die vier Temperamente.

Die Drei und die Vier lassen sich an der Kunststätte Bossard unter anderem auch am Kunsttempel finden. Dieser hat drei große senkrechte Fenster und vier vorspringende Lisenen. Die Vereinigung beider Zahlen findet sich in den sieben Giebeln des Tempels wieder. Das Spannungsfeld zwischen der drei und der vier steht zudem auch für das Prinzip der Dualität, wie sie bei Bossard immer wieder vorkommt, beispielsweise in der Gegenüberstellung von Tag und Nacht sowie jung und alt.

Ein magisches Quadrat mit identischen Zahlen findet sich im berühmten Kupferstich „Melancholia I“ von Albrecht Dürer (1514).  Der große Maler der deutschen Renaissance war für Johann Bossard eine wichtige Projektionsfigur, für dessen Kunst und Person er sich sehr interessierte und über den er sich mehrere Bücher kaufte. 


Kunstwerk des Monats Dezember 2014

Johann Bossard, Weibliche Figur auf Fischkopf, Bronzeguss


Frau auf Fischkopf
Im Eddasaal der Kunststätte Bossard lassen sich am sogenannten Gudruntor zwei Bronzegruppen finden. Die Gegenüberstellung der Geschlechter, die Polarisierung von Mann und Frau, ist eines der Hauptthemen seit der Jahrhundertwende in Johann Bossards Werken und wird auch auf dem Gudruntor aufgegriffen.
Am linken Türflügel befindet sich der Bronzeguss „Weibliche Figur auf Fischkopf“. Er zeigt eine junge Frau, stehend auf einem Fischkopf, die eine Schar kleiner Kinder an den Händen hält. Der Fischkopf steht für das Element Wasser, aus dem das Leben entsteht. Die Kinder symbolisieren ebenfalls den Beginn des Lebens und deuten auf eine hoffnungsvolle Zukunft hin. Die junge Frau kann als Verkörperung der Fruchtbarkeit gedeutet werden. Aufgrund der positiven Symbolik zeigt die gesamte Gruppe eine aufwärtsstrebende  Dynamik, die Oberflächen der Figuren sind passend dazu abbildhaft und glatt gestaltet.
Im Gegensatz dazu befindet sich am rechten Flügel die Figur eines Mannes, der  auf  einem Adlerkopf steht, das Element Luft symbolisierend, das Geistige, aber auch das Vergehen. Viele ältere, vom Leben gezeichnete, kleinformatige Figuren versuchen sich an dem Mann festzuhalten und ziehen ihn mit sich in die Tiefe. Das Ende des Lebens wird symbolisiert. Die Oberfläche der Bronze ist aufgelöst und fast skizzenhaft modelliert.
In den beiden Gruppen wird Bossards Vorstellung deutlich, dass sich alle Gegensätze wechselseitig bedingen.  Sie prägte wichtige Inhalte von seiner Kunst und entsprach häufig – wie hier auf dem zweiflügeligen Tor – auch der formalen Gestaltung einzelner Werke.


Kunstwerk des Monats November 2014

Johann Bossard: Mutterglück, 1929, Gussstein


Bossard: "Mutterglück"

Die Skulptur mit dem Namen „Mutterglück“ aus dem Jahr 1929 lässt sich gleich zweimal an der Kunststätte Bossard finden: Auf dem Weg zum Neuen Atelier hinter dem Gemüsegarten und in der Skulpturenreihe am Rand des Hofplatzes. Abgebildet ist eine junge Frau im Schneidersitz mit einem schlafenden Säugling auf dem Schoß. Ein kleiner Junge schmiegt sich an ihrer rechten Seite an sie und wird gleichzeitig von ihr gehalten. Zum Ausdruck kommt in der Gruppe einerseits das Geborgenheitsgefühl der Kinder in der Umarmung durch ihre Mutter, andererseits aber auch der Stolz und die stille Freude der jungen Mutter über ihre Kinder.
Die Gruppe ist kompositorisch an ein Dreieck angelehnt, ähnlich wie viele Darstellungen von Maria mit Jesus und dem Johannesknaben in der Kunstgeschichte (z.B. Raffaels „Madonna im Grünen“ im Kunsthistorischen Museum in Wien). Auch die Figurenzusammenstellung – eine Mutter mit einem Kleinkind und einem etwas älteren Knaben - erinnert an eine Mariendarstellung. Durch das Fehlen religiöser Symbole, insbesondere aber auch durch die Darstellung der weiblichen Figur als Halbakt weist Bossard jedoch deutlich darauf hin, dass er keine religiöse Darstellung schaffen wollte.
Dieses Werk Bossards zeigt, dass Elternschaft für ihn einen hohen Stellenwert besaß, obwohl er und seine Frau Jutta Bossard selbst keine Kinder hatten. Trotzdem führten beide ein gastfreundliches Leben und besonders im Sommer hielten sich viele Jungen und Mädchen (Neffen und Nichten von Jutta Bossard oder auch Kinder befreundeter Familien) im Haus der Bossards auf. Als Kinder liebten alle die mütterliche Wilma Krull, die ältere Schwester von Jutta Bossard, aber für die Heranwachsenden wurde Jutta Bossard zum Vorbild. Man schätzte ihre fröhliche Ausstrahlung, ihre natürliche Autorität und Spontanität.
Titel und Datierung der Plastik verdanken wir dem Buch „Johann Michael Bossard“ von Ernst Schmacke, das 1951 erschien und viele Informationen von Jutta Bossard verarbeitete.

Kunstwerk des Monats Oktober 2014

Johann Bossard: Gefallener alliierter Soldat, 1918, Kohle auf Papier, JB 1650


Gefallener alliierter Soldat
Die Zeichnung eines gefallenen Soldaten fertigte Johann Bossard im April 1918 an. Der künstlerische Blick konzentriert sich ganz auf das Gesicht des Gefallenen und damit auf das durch den Krieg verschwendete, junge Leben. Die skizzenhafte Zeichentechnik und das mittlere Format lassen vermuten, dass Bossard auf diesem Blatt einen visuellen Eindruck unmittelbar festgehalten hat.
Bemerkenswerterweise hat Bossard keinen deutschen, sondern einen englischen oder amerikanischen Soldaten dargestellt. Dies belegt der flache Helm mit umlaufender Krempe – es handelt sich entweder um einen englischen Brodie-Helm oder um einen amerikanischen M1917 Helmet. Als Dokument des Mitgefühls mit dem Leiden der Soldaten, auch über Nationalitätengrenzen hinweg, ist das Blatt singulär unter Bossards Kriegszeichnungen.
Das Blatt gehört zu einer Gruppe von rund 20 großformatigen Köpfen, die Bossard Anfang 1918 zeichnete, unter anderem Soldaten mit Stahlhelm, Verwundete und Gefallene. Eine Bescheinigung der „Abteilung für Fortbildung und Unterhaltung beim Armee-Oberkommando 3“ vom 31.12.1917 belegt, dass der Künstler die Zeichnungen für den Kronprinzen Wilhelm von Preußen (1882–1951) anfertigte (Bossards Einheit war damals der Heeresgruppe „Deutscher Kronprinz“ zugeordnet). Ebenfalls im Nachlass Bossards hat sich ein Dankschreiben des prinzlichen Adjutanten  Louis Müldner von Mülnheim erhalten. Darin heißt es, die Zeichnungen hätten dem Kronprinzen „zum Teil sehr gefallen“. Zwischen den Zeilen gelesen gefielen dem Prinzen also nicht alle Zeichnungen  bzw. Motive.

Kunstwerk des Monats September 2014

Johann Bossard: Traumschale, 1916, Mischtechnik auf Leinwand, JB 4543


Traumschale
Das 1916 entstandene Werk „Traumschale“ bildet das Hauptwerk unter zahlreichen Gemälden, die Johann Bossard während der Jahre 1915 und 1916 schuf. Der Künstler beschäftigte sich in dieser Zeit damit, seine malerische Handschrift weiterzuentwickeln. Deutlich sind in dem Gemälde Bossards stilistische Wurzeln zu erkennen: So stammen die idealisierten männlichen Akte aus der akademischen Tradition und die Betonung der Umrisslinien erinnert an den Jugendstil. Diese Merkmale verbindet Bossard in der „Traumschale“ mit einem teils impressionistischen, teils postimpressionistischen Pinselduktus mit stellenweise frei gewählter Farbigkeit. Am unteren Rand des Bildes bringt er Zackenornamente unter, die stilistisch auf die 1920er-Jahre vorausweisen.

Unter anderem werden in der „Traumschale“ verschiedene Figuren in ganz unterschiedlichen Farben dargestellt. Ihnen können symbolische Bedeutungen zugeschrieben werden wie beispielsweise Angst oder Missgunst, welche durch die kleinere, dunkle Figur in der rechten unteren Ecke des Bildes verkörpert werden könnten. Der liegende Akt veranschaulicht den (deutschen) Heldentod, der kniende Jüngling mit der Schale Opferbereitschaft, das männliche Kleinkind neues Leben und das fragmentierte Gesicht in der Mitte der Komposition den Geist, der das irdische Dasein überdauert. Diese im Bild symbolisierten höheren Werte bekommen durch ihre Farbgebung eine besondere Bedeutung zugeschrieben und überstrahlen somit alle negativen Aspekte, die in der Komposition zum Ausdruck kommen.

Das Werk veranschaulicht also insgesamt Johann Bossards anfängliche Befürwortung der deutschen Kampfhandlungen im Ersten Weltkrieg. Wie sich Johann Bossards Einstellung zum Krieg im Laufe der Zeit veränderte und wie sich dies in seiner Kunst widerspiegelt, ist noch bis zum 26. Oktober in der Ausstellung „Johann Bossard und der Erste Weltkrieg“ an der Kunststätte Bossard zu sehen.

Kunstwerk des Monats August 2014

Skizzenbuch, um 1916 – 1918, Bleistift auf Papier

Skizzenbuch_JB4860
123 x 175 mm (Skizzenbuch) bzw. 107 x 148 mm (Einzelseiten bis zur Perforation), Inv. Nr. 4860

Johann Bossard war zunächst ein Befürworter des Ersten Weltkriegs und wollte auch selbst als Soldat einen Beitrag zum Kriegsgeschehen leisten. Er wurde vorerst aber nicht gemustert, denn er war bei Kriegsausbruch bereits 39 Jahre alt und einäugig. Im September 1916 wurde Johann Bossard schließlich als Landsturmmann eingezogen und zunächst im Lager Deutsch-Eck nördlich von Verdun stationiert, einer logistischen Basis der deutschen Armee mit Lazarett und Umladestelle für Verwundete. Als Landsturmmann war Bossard nicht direkt an Kampfeinsätzen beteiligt, sondern mit gestalterischen Aufgaben beschäftigt.

Ein kleinformatiges Skizzenbuch gibt Einblicke in Bossards künstlerische Betätigung nach der Einberufung: Es enthält zahlreiche Entwürfe für Informationsschilder auf dem Lagergelände, aber auch kleinformatige Bleistiftzeichnungen, bildnerische Notizen, wohlmöglich für spätere Zeichnungen oder Gemälde. Sie zeigen hauptsächlich männliche Köpfe, teils mit Stahlhelm, sowie idealisierte Figurendarstellungen, meist skizzenhafte weibliche und männliche Akte. Weitere Zeichnungen stellen wohl Entwürfe für einen Soldatenfriedhof, für ein Ehrenmal, eine Ehrenurkunde sowie die Ausmalung von Innenräumen dar. Das Skizzenbuch gibt damit einen guten Einblick in den Alltag eines zum Kriegsdienst eingezogenen Künstlers, der sich auch ganz alltäglichen Aufgaben wie dem Malen von Informationsschildern zu widmen hatte.

Bossards Euphorie der ersten Kriegsmonate wich zunehmender Skepsis. Es waren wohl die drastischen Folgen des technisierten Krieges auf Körper und Psyche der Soldaten, die ihn schon wenige Monate nach seiner Einberufung zum Umdenken brachten. Ihnen widmete er sich in zahlreichen Zeichnungen, die hier noch später vorgestellt werden. Wie das Skizzenbuch sind sie bis zum 26. Oktober in der Ausstellung „Johann Bossard und der Erste Weltkrieg“ an der Kunststätte Bossard zu sehen. 


Kunstwerk des Monats Juli 2014

Klavier im Musikzimmer, gestaltet 1923, Öl/Tempera auf Holz

Flügel im Musikzimmer _ Kunststätte Bossard
Nachdem  Johann Bossard 1918 aus dem Kriegsdienst nach Hamburg zurückgekehrt war, nahm er neben seiner Lehrtätigkeit auch sein privates künstlerisches Großprojekt in der Heide wieder auf. 
Der erste Raum, den Johann Bossard Anfang der 1920er Jahre in seinem Wohn- und Atelierhaus vollendete, war das Musikzimmer im ersten Obergeschoss. Ausgestattet ist der Raum mit einer durchgestalteten Wandvertäfelung, farbenprächtig bemalten Fensterscheiben und fest installierten, ebenfalls farbig dekorierten Möbeln.
Der Flügel, an dem Jutta Bossard sehr gerne spielte, nimmt in dem von Johann Bossard durchgestalteten Raumkonzept die größte Präsenz ein. Das Instrument wurde nicht einfach nur im Raum platziert, sondern durch eine entsprechende farbliche und ornamentale Gestaltung der Außenseiten direkt integriert.
Die in rot und schwarz gehaltenen Motive auf der Klavieroberfläche zeigen hauptsächlich geometrisch-abstrakte und expressive Formen und Ornamente. Johann Bossard wählte keine konkrete figurative Thematik, was dazu beiträgt, die figürliche Wandgestaltung hervorzuheben, ohne die Bedeutung des Instruments  zu schmälern. Der Flügel bleibt auch dank seiner massiven haptischen Wirkung im Raum präsent.
Die Ausstattung und Ausgestaltung des Musikzimmers verdeutlicht das umfangreiche Konzept eines Gesamtkunstwerkes deutlich. Zudem verbindet explizit der Flügel Musik und Töne als synästhetisches und vielschichtiges Element mit Farbe, Raum und Licht.
Mit einer vorab zu buchenden Sonderführung (je Gruppe maximal sechs Personen) können auch Sie das Musikzimmer sowie alle weiteren Privaträume des Wohn- und Atelierhauses von Johann Bossard erleben. Informationen und Anmeldung unter Telefon (04183) 5112.

Foto: Jan Totzek / panographer.de


Kunstwerk des Monats Juni 2014

Diana (Amazone), 1908/09, polierte Bronze und polierter Buntkalkstein, JB 922


Diana (Amazone)_Johann Bossard
Die Kleinplastik Diana modellierte Bossard wohl im Jahr 1908, spätestens 1909. Sie zeigt die römische Göttin der Jagd in antikischer Nacktheit, begleitet von einem Raubvogel und einem Jagdhund. Gelegentlich bezeichnete Bossard die Figur auch als Amazone – für ihn war also nicht eine konkrete mythologische Handlung wichtig, sondern ein antikes Thema, das den Rahmen für einen Frauenakt mit begleitenden Tieren bot.

Deutlich ist in der Bronze eine Verarbeitung von Einflüssen des Jugendstils, etwa in der weiblichen Figur mit ihren wellenförmig ziselierten Haaren und mit ihren vereinfacht modellierten, fließenden Formen. Die straffe Figur der Göttin wird in dem ausgestreckten Arm mit dem Greifvogel und dem neben ihr schreitenden Windspiel ins Herbe und Kantige gesteigert. Die klare fließende Linienführung und die selbstverständliche Einheit von Mensch und Tier machen die Bronze zu einer der beliebtesten Kleinplastiken von Johann Bossard.

Im Wilhelminischen Deutschland waren mythologische Themen für die Plastik sehr beliebt. Bei der Motivauswahl orientierte sich Bossard wohl an erfolgreichen Künstlern wie Louis Touaillon (1862–1919). Touaillons Amazone zu Pferde wurde 1898, während Bossard in Berlin lebte, vor der Nationalgalerie der Reichshauptstadt (heute Alte Nationalgalerie) aufgestellt. Mit der Formensprache des Jugendstils setzte sich Bossard verstärkt in der Zeit von 1908 bis 1911 auseinander. Der Grund dafür ist in seinem Kontakt mit den Wiener Sezessionisten Richard Luksch (1872–1936) und Carl Otto Czeschka (1878–1960) zu suchen. Beide wurden wie Bossard 1907 an die Kunstgewerbeschule in Hamburg berufen und prägten – zusammen mit den später eingestellten, ebenfalls aus Wien stammenden Künstlern Anton Kling (1881–1936) und Franz Karl Delavilla (1884–1967) – maßgeblich das Erscheinungsbild der angewandten Kunst in Hamburg.

Die Diana ließ Bossard mehrfach für den Verkauf in Bronze gießen. Ein Exemplar, das in seinem Besitz verblieb, steht heute im Treppenhaus seines Wohn- und Atelierhauses und kann im Rahmen von Führungen durch die Privaträume besichtigt werden (1.3.-31.10. i. d. R. jeden Sonntag 11 h, 5 € zzgl. Eintritt, Anmeldung unter 04183/5112).

Kunstwerk des Monats Mai 2014

Der Pflug, um 1920, Radierung, 1. Zustand, JB2331

Kunstwerk des Monats Mai 2014: Der PflugJohann Bossards Radierung „Der Pflug“ ist undatiert und könnte möglicherweise um 1920 entstanden sein. Das Blatt zeigt eine dunkle riesenhafte Gestalt, die mit Hilfe des Gekreuzigten eine Menschenmenge instrumentalisiert. Das ansteigende Terrain ist als Andeutung des Erdenrunds zu verstehen, es ist also, eine die ganze Erde umspannende Tyrannei dargestellt. Der gekreuzigte Heiland ist im Gegensatz zu dem dunklen Unhold möglichst hell gehalten, nur wenige, zart eingeritzte Linien beleben die Figur. Umgeben ist der Gekreuzigte von einer hellen Lichterscheinung.

Die Radierung ist Ausdruck von Johann Bossards tiefem Misstrauen gegenüber den etablierten Kirchen. Er war katholisch getauft und seine Familie hatte ursprünglich durch seinen Großvater, der zwei Jahre bei der Schweizer Garde des Papstes in Rom gedient hatte, ein sehr enges Verhältnis zur katholischen Kirche. Dieses ging ihm jedoch verloren, unter anderem durch die vielen Schriften, die er während seiner Studienjahre im Selbststudium las.

Bossard selbst stand, was seine persönliche religiöse Überzeugung anbelangt, der Theosophie und der Anthroposophie nahe. Ein direkter Kontakt zwischen Bossard und Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophischen Gesellschaft, ist nicht nachweisbar, es ist jedoch wahrscheinlich, dass Bossard 1908 einen Vortrag Steiners in Hamburg besuchte. Bossard hatte sich bereits  in seinen Münchener Studienjahren (1894–1896) mit dem späteren Nervenarzt Dr. Felix Peipers angefreundet, der dann von 1909 bis 1913 zum Gründerkreis der Anthroposophischen Gesellschaft gehörte. Bossards persönliche religiöse Überzeugung war unter anderem die, dass es einen gemeinsamen, verbindenden Kern in den großen Weltreligionen gäbe – deutlich wird dies beispielsweise in der folgenden Aussage: „Jeder lebt aus ihm, und wenige wissen, dass der hohe, lichte unverwundbare Gott sie auch noch in ihrer Niedrigkeit trägt und vor dem letzten Fall schützt. Man nennt seinen Namen Heiland, Großer, Brahma, Sonnenkönig, Christus und seine Lehren sind in aller Munde. Und seine Lehren waren zu allen Zeiten und bei allen höheren Völkern die gleichen im Sinne, wenn auch verschieden im Wortlaut.“

Bei vielen Künstlern und Schriftstellern ist seit der Zeit um 1900 eine ausgeprägte religiöse Gestimmtheit zu erkennen. Es handelte sich um eine Gegenbewegung zu rationalistischen und materialistischen Tendenzen des 19. Jahrhunderts, um ein wieder erstarktes Bedürfnis nach Religion oder mindestens nach Spiritualität. Ausführlicher lässt sich dies in der gerade an der Kunststätte Bossard eröffneten Ausstellung „Von Gauguin bis Baselitz: Christusbilder im 20. Jahrhundert“ nachvollziehen.


Kunstwerk des Monats April 2014

Christuskopf, wohl 1920er Jahre, Radierung, zweiter Zustand, JB2301

ChristuskopfJohann Michael Bossard der Grafiker – dies ist eine eher ungewöhnliche Bezeichnung für den hauptsächlich als Bildhauer und Maler bekannten Schweizer Künstler.  Dennoch besteht die über 5000 Objekte umfassende Sammlung der Kunststätte Bossard zu mehr als der Hälfte aus Druckgrafiken.

Das Blatt „Christuskopf“ zeigt einen männlichen Kopf mit Bart, der den Betrachter frontal anblickt. Von Augen, Wangen und Kinn gehen nach links und rechts Strahlen aus, die sowohl das Antlitz als auch die Umgebung erhellen. Der Blick des Dargestellten wirkt ernst und ruhig. Auch wenn Johann Bossard das Blatt nicht betitelte, ist der Dargestellte durch die frontale Darstellung, das mittig gescheitelte Haar und den kurzen Bart als Christus zu identifizieren.

Die Wahl des christlichen Themas ist typisch für die deutsche Kunst während und kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges. Zahlreiche Künstler verarbeiteten ihre Kriegserlebnisse in religiösen Szenen, so auch Johann Bossard, der von 1916–1918 an der Westfront diente. Ohnehin setzte sich Bossard immer wieder mit religiösen Themen und Glaubensfragen auseinander.

Der „Christuskopf“  zeigt exemplarisch Bossards Beschäftigung mit Lichtphänomenen und seine künstlerische Experimentierfreude. Für die Radierung (Tiefdruckverfahren) hat Bossard zunächst die ganze Druckplatte eingefärbt, so dass die Farbe in die vertieften Radierlinien eindringen konnte. Anschließend hat er die überflüssige Farbe wieder von der Platte entfernt, so dass die Druckfarbe in den Vertiefungen zurückblieb. Indem Bossard die Farbe an ausgewählten Stellen der Platte  mehr oder weniger stark auswischte, entstanden die Strahlen und die aufgehellten Gesichtspartien.

Welchen Platz das Christusbild im Werk Johann Bossards einnimmt und wie seine Zeitgenossen die Thematik künstlerisch bearbeiten, wird vom 4. Mai bis 27. Juli 2014 in der Sonderausstellung „Von Gauguin bis Baselitz: Christusbilder im 20. Jahrhundert“ an der Kunststätte Bossard zu sehen sein. Die in Rot gedruckte Radierung „Christuskopf“ wird dabei eines der Werke Bossards sein.

Foto: (c) Kunststätte Bossard 


Kunstwerk des Monats März 2014

Klostergarten, 1913 und später

Klostergarten
Zusammen mit dem Wohn- und Atelierhaus ließ Johann Bossard 1913 den so genannten Klostergarten anlegen, einen ummauerten Gartenbereich. Die Mauer besteht aus Backstein und ist nach außen hin mit eingemauerten Kieseln akzentuiert. So entsteht ein geometrisches Muster, aber auch eine Überleitung hin zur ungestalteten Natur der Heidefläche im Süden von Bossards Grundstück.

Der ummauerte Garten konnte durch eine kleine Ausfalltür direkt vom Wohnhaus aus erreicht werden. Da das Grundstück zu Bossards Lebzeiten nicht umzäunt war, wanderten gelegentlich auch Ausflügler darüber und es war daher sinnvoll, einen vor neugierigen Blicken geschützten Gartenbereich zu schaffen. Außerdem war der nach Süden orientierte Garten durch die Mauer vor Wind geschützt. Er wurde daher u.a. für den Anbau von Spalierobst und Kräutern genutzt, auch einige Bienenkörbe fanden hier ihren Platz. Für Nutzpflanzen und Bienen war Wilma Krull zuständig. Die ältere Schwester von Jutta Bossard war unverheiratet geblieben und zog 1929 an die Kunststätte. Sie sorgte für den Haushalt, den Wirtschaftsgarten und die Nutztiere und war, wie Jutta Bossard gerne betonte, „das Beste, was ich mit in die Ehe gebracht habe“.

Die Bezeichnung als „Klostergarten“ hat Johann Bossard sicherlich von dem Grundriss des Gartens abgeleitet. Er ist rechteckig und hat an einer der Schmalseiten eine halbkreisförmige Ausbuchtung, erinnert also an einen Kirchenraum. In der apsisartigen Nische steht heute ein Kunststoff-Abguss der Plastik „Die Träumende“ von Jutta Bossard (Original um 1930, Abguss 1980er Jahre). 


Kunstwerk des Monats Februar 2014

Johann Bossard: Wandbrunnen für das Hotel Adlon, 1906/07, verschollen

Adlon

1906 erhielt Johann Bossard einen lukrativen Auftrag in Berlin: Er wurde mit einem Teil der Ausgestaltung des Hotels Adlon beauftrag, das 1907 der staunenden Öffentlichkeit seine Türen öffnete. Als erstes Hotel der neuen Luxusklasse im Deutschen Reich wurde es für die damals exorbitante Summe von 17 Millionen Goldmark erbaut; allein 5 Millionen Goldmark sollen in die Inneneinrichtung geflossen sein. Fotografien und Schriftquellen lassen noch heute die Pracht des kriegszerstörten Gebäudes ahnen.

Johann Bossard gestaltete einen Wandbrunnen mit einer Bronzegruppe für die Eingangssituation des Hotels. „Der Brunnen stellt ein in einen ruhig gehaltenen Marmorsockel eingelassenes Kelterfaß dar, in das drei Kinder, ein Knabe und zwei Mädchen, Trauben zum Zerstampfen ausschütten,“ beschrieb die Neue Zürcher Zeitung das Werk am 10. Juni 1907. Bossard schuf außerdem noch eine geschnitzte Supraporte mit  zwei Kindern mit dem Berliner Bären sowie drei Reliefs für den Speisesaal, die essende, trinkende und musizierende Kinder zeigten.

Johann Bossard erhielt den Auftrag am 30.11.1906 durch die Firma Kimbel & Friedrichsen, Hoftischlermeister seiner Majestät Wilhelms II., und wurde dafür mit 5.000 Mark entlohnt. Das hohe Honorar lässt vermuten, dass Johann Bossard die Figuren als Unikate anfertigte und aus diesem Grund die Gipsmodelle nach dem erfolgreichen Bronzeguss zerstören ließ. Der Brunnen ist daher nur noch durch historische Fotografien und Archivalien bekannt. Den Auftrag erhielt Bossard sicherlich, weil er kurz zuvor im Berliner Kunstsalon Keller & Reiner verschiedene Kleinbronzen ausgestellt hatte, auch Kinderfiguren, die von der Kritik begeistert aufgenommen worden waren.

Brunnen und Reliefs für das Hotel Adlon waren der am besten bezahlte Auftrag, den Johann Bossard jemals erhalten hat. Sein Grundstück in Lüllau-Wiedenhof, auf dem er die Kunststätte Bossard errichtete, erwarb er 1911/12 für 3000 Mark.


Kunstwerk des Monats Januar 2014

Johann Bossard: Idealporträt Jutta Bossards im Schnee, 1950, Öl auf Presspappe

Idealporträt Jutta Bossards

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Das Gemälde mit der Inventarnummer JB 1863 ist eines der spätesten von Johann Bossard geschaffenen Werke. Laut der Beschriftung auf der Rückseite (die nicht von Johann Bossard aufgetragen wurde) entstand es am 1.2.1950, also wenige Wochen vor dem Ableben von Johann Bossard am 27. März desselben Jahres.

Gezeigt sind Kopf und Teile des Oberkörpers einer Frau im Dreiviertelprofil. Sie schaut aus dem Bild heraus nach oben. Gesicht und Hals lassen keinerlei Falten erkennen. Das Gemälde wird stark von der Wirkung der verwendeten Farben dominiert: Das Kopfhaar der Dargestellten ist strahlend gelb-blond, ebenso wie ihr Hut und Teile der Kleidung. Der Hintergrund und die Bekleidung unterhalb der Achseln sind in Türkis mit orangefarbenen und roten Akzenten gehalten. Über die gesamte Bildfläche sind weiße, pastos aufgetragene Farbtupfen verteilt, so dass der Eindruck von fallenden Schneeflocken entsteht.

Vergleiche mit Fotografien und anderen Porträts belegen, dass in dem Gemälde Jutta Bossard dargestellt ist, die Anfang 1950 allerdings schon 47 Jahre alt war. Die niedrigen Temperaturen empfindet sie offenbar nicht als unangenehm. Ihr leicht geöffneter, lächelnder Mund und der Blick nach oben lassen sie vielmehr glücklich-verklärt erscheinen. Es handelt sich um ein Idealporträt, in dem Johann Bossard kurz vor seinem Tod noch einmal das innere Wesen seiner Frau gewürdigt hat: ihre innere Schönheit und ihre positive Geisteshaltung.

Das Gemälde ist damit ein charakteristisches Beispiel für Johann Bossards Ziel, in seiner Kunst das „Spirituale“ festzuhalten. Außerdem zeigt es ihn als passionierten Koloristen, der seine Gemälde von der Farbwirkung ausgehend plante und konzipierte. Dafür wich er vermutlich auch vom Naturvorbild ab, denn es ist höchst unwahrscheinlich, dass Jutta Bossard im Jahr 1950 derartig bunte Kleidung besessen hätte.

Foto: Christoph Irrgang, Hamburg


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