Johann Bossard: Madonna mit den Wächtern

 

1916, Öl auf Leinwand, 164 x 230 cm, Kunstsammlung Kanton Zug

Die Kunststätte Bossard freut sich aus einem besonderen Grund: Johann Bossard hat in seinem Geburtsort Zug in der Schweiz nach abgeschlossenen Restaurierungsarbeiten mit zwei Gemälden einen verdienten neuen Platz gefunden. Zu diesem Anlass stellen wir Ihnen diesen Monat mit Madonna und den Wächtern ein Werk vor, das sich im Kunstmuseum Kanton Zug und ausnahmsweise nicht bei uns in Jesteburg befindet.  Johann Bossard schuf das Ölgemälde 1916 während des Ersten Weltkriegs vor seiner Einberufung zum Kriegsdienst im September desselben Jahres. Es hing noch 1918 mit dem als Gegenstück konzipierten Zaubergarten in einer Verkaufsausstellung im Kunstmuseum Bern und im Kunsthaus Zürich.

Auf der Madonna mit den Wächtern steht die Gottesmutter zentral mit dem Jesuskind in einer Art Mandorla, einem mandelförmigen Heiligenschein, der von Blau, Grün und Weißtönen dominiert wird. In der Mandorla umrahmt zusätzlich eine Reihe von Perlen die Madonna. Das Jesuskind scheint durch sein goldgelbliches Inkarnat von innen heraus zu leuchten. Es hält als Attribut vermutlich einen Apfel in der Hand, der als Hinweis auf den Sündenfall und die Erlösung des Menschen durch den Gottessohn zu deuten wäre. Die linke Brust der Maria sowie ihre kräftigen Beine und Partien ihres Unterkörpers zeichnen sich deutlich erkennbar durch ihr Gewand ab.

Der Madonna zur Seite stehen oder knien keine Heilige oder Stifter, wie es in christlicher Bildtradition auf einem Andachtsbild zu erwarten wäre, sondern zwei muskulöse Männer mittleren und gehobenen Alters vor einer architektonisch gestalteten Umrahmung in einem rot-, orange- und gelbfarbigen Spektrum. Der vor Kraft strotzende, bärtige Mann zur Rechten der Madonna steht breitbeinig und hält die Hände, zu Fäusten geballt, bedrohlich erhoben. Die architektonische Rahmung beherbergt weitere kleinere, männliche Figuren und Masken. Die Figuren tragen Rüstung, Schwert oder Schild, oder sind in Kämpfe verwickelt. Die ältere monumentale Männergestalt links von der Madonna begleiten männliche Akte, die in verschiedenen Haltungen der Andacht verharren. Auch der monumentale Mann hält seinen Kopf mit geschlossenen Augen andächtig gesenkt. Ihm zu Füßen liegt eine wie zur letzten Ruhe gebettete Figur.

Um der Bedeutung der symbolisch verrätselten Bildsprache näher zu kommen, ist eine Bilddeutung im Kriegskontext mit Hinblick auf das Entstehungsjahr notwendig. Ignaz Civelli stellt heraus, dass Bossard den Krieg als Erneuerungsprozess für das deutsche Volk verstand. Seiner Ansicht nach steht die Madonna mit Kind für Fruchtbarkeit und Erneuerung (des deutschen Volkes) aus einem gewaltsamen Umgebungskontext (Erster Weltkrieg) heraus, den die muskulösen männlichen Körper zur Linken und zur Rechten der weiblichen Zentralfigur verkörpern. Diese Deutung untermauern die Themen körperliche Kraft, ritterliche Heldenmut (Rüstung und Schwert) und Opferbereitschaft, die sich in den männlichen Figuren wiederfinden.

Johann Bossard war zu Beginn des Ersten Weltkriegs, wie weite Teile des deutschen Bürgertums, darunter Tausende Künstler und Intellektuelle, von einer regelrechten  Kriegseuphorie erfasst. Dennoch weisen die meisten seiner Bilder in den Jahren 1914 bis 1916 keinen, oder, wie in der Madonna mit den Wächtern, nur einen sich in verrätselter Symbolik  verlierenden Bezug zum Krieg auf.

Die abenteuerliche Reise des Bossard-Gemäldes und seines Gegenstücks Zaubergarten aus dem Besitz der Zuger Bossard-Förderin Adelheid Page über eine öffentlichen Kippmulde in die Kunstsammlung des Kantons Zug können Sie in dem Aufsatz Kein „Sonnenschein der Freude“. Der Zuger Künstler Johann Michael Bossard und der Erste Weltkrieg von Ignaz Civelli in der Zeitschrift TUGIUM nachlesen, die in diesem Monat erscheint.

 

Abbildung

(c)Amt für Kultur, Zug. Foto: Res Eichenberger

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