Johann Bossard: Wielandtor

Eddasaal im Wohn- und Atelierhaus, 1932-1935

 

Zu Beginn der 20iger Jahre begann  Johann Bossard die Arbeit an seinem Gesamtkunstwerk und gestaltete dafür einen Großteil des Wohn-und Atelierhauses künstlerisch aus. In den Jahren 1932 bis 1935 gestalteten Johann und Jutta Bossard, geb. Krull, das ehemalige Atelier als letzten Raum im Wohnhaus künstlerisch um. Das zweigeschossige Atelier mit geweißten Wänden wurde samt der Fenster komplett ausgemalt und um eine Galerie mit Holzschnitzereien, zwei große Portale und einen Mosaikfußboden ergänzt. Die Hauptquelle für das Bildprogramm des Eddasaales lieferte die sogenannte Edda, eine Sammlung vorchristlicher Mythen, die im 13. Jahrhundert von christlichen Mönchen auf Island aufgeschrieben worden sind.

Die doppelflügelige Tür zum Hofplatz wurde mit aufwendigen Schnitzereien und Kupfertreibarbeit versehen. Das Portal erinnert in seiner Gestaltung an ein Kirchenportal, das jedoch die Schauseite nach innen gekehrt hat. Das Wielandtor erzählt die Geschichte des Schmiedes Wieland auf insgesamt 16 kupfergetriebenen, partiell vergoldeten Bildfeldern.

Wie die sonstigen Geschichten, die Bossard im Eddasaal in der Malerei und Holzschnitzerei darstellte fehlt eine chronologische Abfolge. Es lassen sich aber manche nebeneinanderliegende Felder als Bestandteil einer Szene lesen. Das Feld unten links auf dem rechten Torflügel trägt die Inschrift „Wieland der Schmied“ sowie eine schlangenförmige Linie und einen Blitz. Entsprechend der Edda lebt der kunstfertige Schmied Wieland mit seinen beiden Brüdern an einem See, wo sich drei Walküren mit ihren Schwanenhemden niederlassen (linker Torflügel, 2. Reihe von unten, rechts). In ihrer Menschengestalt ehelichen sie die Brüder, verlassen sie aber nach sieben Jahren (linker Torflügel, 3. Reihe, links). Die Brüder suchen nach ihnen. Nur Wieland bleibt zurück und schmiedet goldene Ringe (linker Torflügel, 3. Reihe, rechts). Er wird auf Befehl des König Nidung gefangen genommen, der seinen Soldaten aufträgt, ihm die Kniesehnen durchzuschneiden (rechter Torflügel, 3. Reihe, links), um eine Flucht zu verhindern. Auf mehreren Feldern thematisierte Bossard Wielands Flucht mithilfe selbstgeschmiedeter Flügel: Er zeigt Wieland beim Anlegen seiner Flügel (rechter Torflügel, 3. Reihe, rechts), das Abheben Wielands unter dem Schutz der Walküre oder einer Göttin (rechter Torflügel, 2. Reihe, rechts) und Wielands Flug in die Freiheit (rechter Torflügel, 4. Reihe, links), ohne dass es den Soldaten des Königs gelingt, ihn mit Steinen herunterzuschießen (4. Reihe, links und rechts von Wielands Flug).

Richard Wagner (1813 – 1883) hatte 1849 bis 1852 in seiner Abhandlung Das Kunstwerk der Zukunft den Symbolgehalt der Wielandsage auf die freiheitlichen Bestrebungen des deutschen Volkes und die deutsche Nation bezogen. Bossard versteht die Darstellung der Wielandsage im Edaasaal in dieser Tradition: als Vorbild für die Befreiung aus der Tyrannei, für den Aufbruch in eine neue Zeit, aus der eigenen Kraft heraus und mittels der Kunst.

Mehr zum Wielandtor und dem Bildprogramm des Eddasaals - auch im kritischen Vergleich mit der Edda-Rezeption im Nationalsozialismus - können Sie in Bälde in dem Katalog zur nächsten Ausstellung „Über dem Abgrund des Nichts“ Die Bossards in der Zeit des Nationalsozialismus erfahren.

 

Foto: Jürgen Müller