Johann Bossard: Alb

Johann Bossard: Alb

1908, polierte Bronze, 64 x 30 x 27 cm, Inv.-Nr. JB 2092

Die Gruppe Alb aus dem Jahr 1908 zeigt einen stehenden Jüngling, dessen Augen durch eine Binde verdeckt sind. Das Haupt hat er nach links geneigt und wirkt so wie im Halbschlaf oder träumend in sein Schicksal ergeben. Der junge Mann wird durch ein hinter ihm stehendes, affenartiges Wesen festgehalten und gleichzeitig zur Schau gestellt.

Die ungewöhnliche Gruppe lässt sich auf verschiedene Weise interpretieren: Der Affenkopf taucht im Werk von Johann Bossard häufiger auf und kann als Verkörperung des Animalischen im Wesen des Menschen gelten. Johann Bossard selbst schrieb an seinen Mäzen Emil Hegg über die Kleinbronze: „Wenn Sie die Gruppe Kantönligeist nennen, ich aber ‚Alb’ oder ‚Das Ewiggestrige’ so meinen wir eben doch dasselbe.“ (Brief vom 6.2.1909)

Eine weitere Deutung ergibt sich aus der Vorstellung vom so genannten „Wächter“ oder „Hüter der Schwelle“. Er taucht erstmals im Roman Zanoni von Edward Bulwer-Lytton auf. Kurz nach der Veröffentlichung des Buchs gewann der Begriff weitere Verbreitung und wurde später unter anderem auch von Rudolf Steiner weiterentwickelt. Die Vorstellung umschreibt eine magische Wesenheit oder aber einen psychologischen Reflex, der Menschen auf der Suche nach spiritueller Entfaltung zunächst Zugang zur geistigen Welt verwehrt. Ein inhaltlicher Bezug zu Bossards Plastik liegt nahe, da Bossard den Roman Zanoni besaß und eng mit Felix Peipers, einem Weggefährten Rudolf Steiners, befreundet war.

Johann Bossard stimmte seine Kleinbronzen auf den Zeitgeschmack ab. In der Wilhelminischen Zeit herrschte ein stetiger Bedarf an Kleinbronzen, da sie zur Inneneinrichtung in wohlhabenden Kreisen gehörten. Der in weichen Formen modellierte Männerakt des Alb orientiert sich am Ideal der Antike, zeigt aber auch Bossards Auseinandersetzung mit der Formensprache des Jugendstils. Vorbildhaft für die Kombination von klassischen und dem Jugendstil verwandten Formen war damals das Werk von Hermann Hahn, der wie Bossard in der Bildhauerklasse von Wilhelm von Rümann an der Münchner Akademie studiert hatte und mit seinen Kleinplastiken wirtschaftlich sehr erfolgreich war. Peter Reindl bemerkte zum Alb in seinem Aufsatz „Bossard als Bildhauer“: „Der Akt des jungen Mannes erscheint träumerisch entrückt, d.h. er ist dadurch entschuldigt in der mädchenhaften Zurschaustellung seiner Reize: in diesem Punkt geradezu ein typisches Beispiel für den Münchner Jugendstil.“ (in: Johann Michael Bossard. Ein Leben für das Gesamtkunstwerk, Katalog der Ausstellung im Kunsthaus Zug u.a., 1986)

Foto: Christoph Irrgang, Hamburg

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