Carl Schümann: Schwangere, o.J. (1926–1930)

Carl Schümann: Schwangere, o.J. (1926–1930), Ton, schwarz glasiert, 58 x 46 x 56 cm, Inv.-Nr. JB 5616

 

Die „Schwangere“ irritiert: Die dargestellte Frauenfigur hält sich den Bauch, was an sich noch nicht ungewöhnlich als Andeutung auf die bevorstehende Niederkunft ist. Ihr Kopf allerdings ist unnatürlich nach hinten überstreckt, das Gesicht mit leerem Blick nach oben gerichtet. Unterhalb des Rumpfes scheinen die angedeuteten Oberschenkel regelrecht zu zerfließen. Obwohl die Frau schwanger ist, wirkt sie ausgemergelt und knochig. Lediglich die für die Mutterschaft ‚wichtigen‘ Körperpartien – Bauch und Brüste – wirken im Gegensatz dazu wohlgeformt. Von freudiger Erwartung kann wohl nicht die Rede sein. Vielmehr schwingt in dem Verzerrten, Unschönen und Zerfließenden der Figur eine Kritik mit, die sich womöglich darauf bezieht, das weibliche Dasein auf den Fortpflanzungsaspekt zu reduzieren.

 

Die Plastik mutet auf den ersten Blick wie ein schwarzer Bronzeguss an, besteht aber tatsächlich aus dunkel glasiertem Ton. Sie entstand in der Studienzeit des Künstlers Carl Schümann (1901–1974) von 1926 bis 1930 an der Landeskunstschule in Hamburg. Sie kam durch eine Schenkung der Enkelin des Künstlers an die Kunststätte Bossard.

 

Bevor der von der Hallig Hooge stammende gelernte Bootsbauer und Schiffszimmermann  Carl Schümann in der Bildhauerklasse von Johann Bossard angenommen wurde, war sein erster Versuch, in Dessau an der Kunstgewerbeschule zu studieren, aus Geldgründen gescheitert. Und auch in Hamburg konnte er sich nur über Stipendien das Studium leisten. Diese verdankte er vor allem Johann Bossard, der die künstlerische Ausbildung Schümanns unterstützte und insgesamt drei positive Empfehlungsschreiben für ihn aufsetzte. Darin unterstrich er vor allem „neben Fleiss und Tatkraft“ Schümanns „ursprüngliche & ausgeprägte Begabung, dass er weitgehendster Unterstützung als würdig erscheinen darf“.

Auch Gustav Pauli, der damalige Leiter der Hamburger Kunsthalle, war von Schümanns Talent überzeugt und verschaffte ihm 1931 ein Stipendium für eine zweimonatige Italienreise.

Von dieser Reise zurückgekehrt, stellte Schümann im selben Jahr seine Arbeiten in der angesagten Galerie Commeter in Hamburg aus. Dort wurden zeitgleich auch Arbeiten von Ernst Barlach gezeigt, was die Hamburger Kunstkritik zu einem wohlwollenden Urteil über den 30-jährigen Künstler bewegte und ihm dadurch den Weg in eine freiberufliche Bildhauerkarriere ebnete.

 

Rund 20 Jahre später schrieb Carl Schümann noch einmal in einem Brief an seinen Lehrer Johann Bossard „ein paar Worte wärmsten Dankes“. Es war ihm bewusst, „wie gut das Schicksal [ihm] gesonnen war, damals gerade bei [Bossard] Schüler sein zu können.“

Für Johann Bossard muss die Kritik Schümanns an der Reduzierung der Frau auf ihre biologische Funktionalität in seiner Plastik „Schwangere“ streng genommen eine neue Sichtweise offenbart haben, erscheinen Frau und Mutterschaft bei ihm in einem doch komplett anderen Kontext: als Allegorie und Stellvertreter in seinem zentralen Thema, dem Werden und Vergehen. Barbara Djassemi

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