Johann Bossard: Blauer Flur

Blauer Flur, Wohn- und Atelierhaus der Kunststätte Bossard, um 1922–25

Johann Bossard errichtete 1913 ein Wohn- und Atelierhaus auf dem Grundstück der heutigen Kunststätte Bossard. Als er aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrte, verfolgte er das Ziel, sein Anwesen in der Heide schrittweise zu einem Gesamtkunstwerk auszubauen. Dabei strebte der Künstler nach einer Einheit  von Kunst und Leben. Er begann unter anderem, die Innenräume seines Wohn- und Atelierhauses künstlerisch zu gestalten.

Für die Wandbemalung im sogenannten Blauen Flur verwendete der Künstler eine eingeschränkte Palette, indem er ausschließlich die Farben Blau, Schwarz, Weiß und deren Mischtöne verwendete. Die Motive malte er direkt auf die Tapete an den Wänden. Auf der Nord- und Südwand finden sich zwischen ornamental gestalteten Bordüren figürliche Darstellungen, die an Bauplastiken erinnern. Die Malerei architektonischer Formen auf der Ostwand bildet eine utopische Stadtansicht. Einige Bauten lassen eine Nähe zur Stadt Hamburg erkennen wie die Satteldächer im Hafen, die zahlreichen Brücken, das Planetarium mit dem Kuppelgebäude, die Kathedralen und zwei Gewässer, die an die Binnen- und Außenalster erinnern. Im ca. 30 km von der Kunststätte Bossard entfernten Hamburg unterrichtet Johann Bossard von 1907 bis 1944 Bildhauerei an der damaligen Kunstgewerbeschule am Lerchenfeld. Er unterhielt in der Stadt bis zu seiner Pensionierung eine Mietwohnung und verbrachte die meisten Wochenenden und die Semesterferien an der Kunststätte.

Im 2. Zyklus des Kunsttempels, der 1928 entstand, malte Bossard ähnlich kristalline Architekturvisionen, wie sie im Blauen Flur im Wohn- und Atelierhaus zu finden sind. Die Architekturvision des Blauen Flurs erinnert auch an Arbeiten der Künstler der Gläsernen Kette wie Bruno Taut und Wenzel Hablik, die 1919 und 1920 Architekturvisionen aus Glas und Licht entwarfen. Den Kristall verstanden sie als Symbol für Transformation und Reinheit. Des Weiteren sind im Film Metropolis (1927) von Fritz Lang ähnliche Stadtutopien als Kulissen zu sehen.

Vom Blauen Flur gelangt man in drei Räume, die ebenfalls künstlerisch ausgestaltet sind: Die zwei Gästezimmer (Märchenzimmer und Gelbes Zimmer) und den Erossaal, den Bossard in den letzten Jahren seines Lebens als Atelier benutzte.

Ab diesem Monat ist das Wohn- und Atelierhaus wieder für Besucher in einer Kurzbesichtigung der Privaträume während der Öffnungszeiten des Museum (Mi–So) täglich um 14 Uhr zugänglich. Plätze für eine Besichtigung sollten aufgrund der Beschränkung der Teilnehmerzahl auf maximal 6 Personen telefonisch (04183/51 12) oder per Email (info@bossard.de) reserviert werden.

 

Fotos: Ulrich Deimel für AD Architectural Digest

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