Johann Bossard: Götter und Menschen: Dionysos

1944-46, Aquarell, Buntkreide und Tinte auf Karton

Im Jahr 1944 wird Johann Bossard von seiner Professorenstelle für Bildhauerei an der Kunstgewerbeschule am Lerchenfeld in Hamburg pensioniert. Darauf durchlebt der über 70jährige Künstler an der Kunststätte Bossard zwischen 1944 und 1949 – in den letzten Jahren des Krieges und den harten Nachkriegsjahren – eine letzte große, intensive Schaffensphase. Mit meisterhaftem zeichnerischen Können und sicherem Gefühl für die Farbe schafft er mit den „Zwölf Kreisen der Weltgeschichte“ einen 164 Grafiken und Gemälde umfassenden Zyklus, der sich wiederum in 12 kleinere Zyklen unterteilen lässt.

In dem 14 Tafeln umfassenden „Kreis“ Die Götter schufen sich zum Bild den Menschen und die Menschen schufen sich die Götter als ihrer Träume Ziel setzt sich der Künstler mit Mythologie und Religion auseinander. Er spannt einen Bogen von der antiken griechischen Mythologie über den Buddhismus, die christliche Glaubenslehre bis hin zur nordischen Mythologie. In dem zum „Kreis“ gehörenden Werk Dionysos (röm. Pendant: Bacchus) sitzt der griechische Gott des Weines und der Fruchtbarkeit, aber auch des Tanzes und des Theaters, in Gestalt eines schönen jungen Mannes zwischen seinem Gefolge. Er hält Weintrauben und ein Trinkgefäß in seinen Händen. Efeuranken, die ebenfalls ein Attribut des Gottes sind, umschlingen seinen Körper und sein gesamtes Gefolge. Alle Figuren stellt Bossard in idealer Nacktheit dar. Das Gefolge des Dionysos, das aus Menschen und Mischwesen besteht, feiert ein Bacchanal, ein Fest zu Ehren ihres Gottes.

Zur rechten des Weingottes trinkt eine Figur, bei der es sich um einen Satyr handeln könnte, auf einem Esel sitzend aus einem Weinschlauch. Zur linken des Dionysos spielt der Pan, der Hirtengott des Waldes und der Natur, auf einer siebenröhrigen Flöte, der Panflöte. Er ist ein Mischwesen, das den Unterkörper eines Ziegenbockes und den Oberkörper eines Menschen besitzt. Seinen Kopf zieren Ziegenhörner und ein Bart. Auch die menschlichen Begleiter feiern ausgelassen. Sie tanzen, konsumieren Wein oder musizieren. Der ekstatische Tanz ist einer der wichtigsten Kultaspekte des Dionysos. Er soll ein erster Schritt auf dem Weg zur göttlichen Raserei sein, die alle befällt, die mit dem Gott Umgang haben und die er in Ekstase zu irrationalen Handlungen verführt.

Johann Bossard ist ein Anhänger der Lebensreformbewegung, die um die Jahrhundertwende bis in die 1930er Jahre hinein den Körperkult und den Aufruf ‚Zurück zur Natur‘ propagierten. Beim Ausbau seines Heidegrundstücks plante er bereits die Möglichkeit zur Selbstversorgung mit ein, indem er eine Ackerfläche, einen Gemüsegarten und zwei Obstgärten anlegte und Kleinvieh wie Hühner, Gänsen, Enten, Schafe und Schweine hielt. Das bäuerliche Arbeiten taucht immer wieder in Kunstwerken von Bossard als Bildthema auf so wie es vor der Industrialisierung stattgefunden haben könnte: mit der Hand und mit Hilfe von Nutztieren. Die Figuren sind in idealer Nacktheit oder spärlich bekleidet dargestellt. Der Genuss der hart erarbeiten Nahrungsmittel stellt er im Bacchanal oder dem Erntefest, wie auch auf Dionysos, öfters dar.

Dionysos und weitere Werke aus den „Kreisen“ sind noch bis zum 1.5. in der Sonderausstellung Schlummernde Schätze I: Bossards „Kreise“ zu sehen.

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