Johann Bossard: Porträt des Prof. Sigrist, 1932 (JB 4603)

Finanzielle Engpässe führten immer wieder dazu, dass Johann Bossards Vorhaben, sein Anwesen in der Lüneburger Heide zum Gesamtkunstwerk auszugestalten, ins Stocken kam. Im Frühjahr 1932 hoffte der Künstler zwar „diesen Sommer wieder ein Stück weiter zu kommen“. Gegenüber seinem Mäzen, dem Schweizer Augenarzt Emil Hegg, äußerte er: „(…) aber es langt hinten & vorne nicht“.

 

Aus diesem Grund planten die beiden Männer für die unterrichtsfreie Zeit Bossards von der Hamburger Landeskunstschule eine Reise in die alte Heimat Schweiz, bei der der Künstler bekannte Persönlichkeiten des Landes porträtieren sollte. So ganz schien Bossard jedoch nicht von dem Erfolg dieses Projekts überzeugt zu sein. Rhetorisch überzogen schrieb er an Hegg: „Ich komme zu Ihnen (…) nach Rüfenacht & dann mit nach Leukerbad & wer vor den Pinsel kommt [,] wird porträtiert. (…) wenn jeder nur einige hundert Fränkli zahlt, so bringt die „Masse“ eben doch ein erhebliches Sümmchen zusammen. Kaufzwang besteht nicht, aber die Leute werden sich die Finger lecken um ihre Konterfeis überhaupt zu kriegen, so schön werde ich sie malen. (…) Dann werden die Helden bei Ihnen eingelagert & Sie haben dann den ganzen Herbst & Winter zu tun, um die Honorare gegen die Auslieferung der Porträts in Empfang zu nehmen. Das wird ein Leben geben! Der Tempelschatz schwillt zum Platzen an & endlich geht die Kunst wieder mal vom Fleck.“

 

Anfang Juli reiste der Künstler in Begleitung seiner Ehefrau Jutta dann in die Schweiz. Dort skizzierte Bossard seine „Opfer“, wie er seine Modelle nannte, in deren Privathäusern. Anschließend fertigte er in Rüfenacht bei Hegg Ölbilder nach den Skizzen an. Von einigen Bildnissen entstanden sogar mehrere Ausführungen. Insgesamt malte Bossard rund 25 Porträts, auch welche von den Familienangehörigen Heggs und eines von Jutta Bossard. Im Anschluss stellte Hegg die Bilder in seinem Haus aus und lud die Porträtierten und andere Kunstinteressierte zur Besichtigung ein.

 

Der Verkaufserfolg blieb, wie insgeheim von Bossard erwartet, aus. Zur Besichtigung erschienen nicht einmal alle diejenigen, die porträtiert worden waren. Der Künstler, mit seinem nach dem Ersten Weltkrieg entwickelten expressiven Malstil, traf in der Schweiz auf ein eher konservativ gesinntes Kunstpublikum, das naturalistische Porträts vorzog und denen beispielsweise „die Backen des Herrn Rudolf zu rot“ waren, wie Hegg später berichtete. Zwar lobte manch einer die künstlerische Umsetzung und zeigte sich begeistert, dennoch, so resümierte Hegg im Oktober 1932, war „[v]om Kaufen (…) aber überhaupt keine Rede und auch die Preisfrage wurde von Niemand aufgeworfen“.

 

Wie viele Bilder überhaupt von den Porträtierten erworben wurden, ist nicht bekannt. Bereits Ende des Jahres 1932 wollte Bossard zumindest „dieses Abenteuer endlich begraben“ wissen. Die Porträts verblieben in der Schweiz bei Emil Hegg. Sein Sohn lagerte sie ein. Vermutlich erst nach dem Tod Johann Bossard gelangten die Werke an die Kunststätte Bossard. Unter diesen befindet sich auch das Porträt des „Professor Sigrist“. Hier dominieren die Farben Ocker, Rot und Braun, die der Künstler pastos und mit bewegtem Pinselstrich aufgetragen hat. Ob sich der Gemalte mit seinem Konterfei nicht identifizieren konnte oder er es überhaupt jemals gesehen hat, kann heute nicht mehr beantwortet werden. Barbara Djassemi

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